Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

die Unzulänglichkeit entscheidender Persönlichkeiten an den Höfen, in den Ämtern, bei den Parteien hätten wohl nicht zur Niederlage, und gewiß nicht zu dieser Niederlage, führen müssen. Schlimmer war, daß in entscheidenden Augenblicken innerpolitische Parteibelange stärker wirkten als die Not des Vaterlandes. Und das wäre nicht möglich ge­wesen, wenn wir Deutschen im gleichen Sinn eine Nation wären wie Franzosen, Engländer, Italiener, ja wie Magyaren und Tschechen. Das sind wir noch nicht Wir sind es nicht, weil die meisten von uns aus unserer partikularistischen Geschichte die Gewöhnung mitgebracht haben, den Teil vor das Ganze zu stellen. Auch die Partei ist ja nur ein Teil des Volkes; und Parteiwut auch eine Art Partikularismus. Bei un­seren Gegnern haben alle Richtungen das Vaterland über die Partei gestellt. Anders bei uns. Und so ist denn der Partikularismus nicht nur in seiner unmittelbaren Erscheinungsform unser Verhängnis geworden, sondern mehr noch in seinen mittelbaren Wirkungen. Ich meine das Fehlen jener Einheitlichkeit des nationalen Willens, der geistigen Stimmung, der weltpolitischen Richtung, die unseren Gegnern eigen war. Hier liegt der tiefste Grund unserer Schwäche. Darum sind wir von den Höhepunkten unseres nationalen Daseins tiefer in Zerrüttung und Ohnmacht gestürzt, mußten wir länger in dieser Tiefe bleiben, als je ein anderes Volk. Auf die stolze Herrlichkeit des mittelalterlichen Kaisertums folgte die traurige Zeit, in der die Fülle der deutschen Volkskraft — und die hat nie gefehlt — sich in der ost­elbischen Siedlung, im deutschen Städtewesen, in der deutschen Hansa verausgabte, das Reich aber immer mehr zum Schatten seiner selbst herabsank. So vermochte es der Hansa nicht denjenigen Rückhalt an politischer Macht zu bieten, ohne den nun einmal die größte wirtschaft­liche Tüchtigkeit dauernde Erfolge nicht bringt, sondern vom fremden Wettbewerb entweder verdrängt oder aber dienstbar gemacht und aus­gebeutet wird. Das sei denen gesagt, die da meinen, das deutsche Volk müsse heute nur an Arbeit und Brot denken und nicht von versunkener Macht und Herrlichkeit träumen. Die Macht fehlte aber nicht nur nach außen, sie fehlte auch nach innen. Das Reich, dem die Territorien die besten Kräfte entzogen, wußte das Recht und den Landfrieden nicht mehr zu wahren; es sün­digte wider die soziale Gerechtigkeit und ließ die Bauern in Hörigkeit versinken. So kam es zum Ausbruch des Bauernkrieges. Er war furcht­bar und doch vergeblich; die Bauern, also die Schichte, aus der alle Volkskraft wächst, blieb der Ausbeutung preisgegeben. Immer wieder sehen wir es ist ein Irrwort und Wirrwort unserer Tage, das da lehrt, 34

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