Historische Blaetter 1. (1921)
Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik
Macht und Kultur seien Gegensätze oder hätten doch nichts miteinander zu tun. Es gibt wohl Macht ohne Kultur. Aber keine Kultur ohne Macht. Denn: ohne Macht keine Zucht und Ordnung und ohne Zucht und Ordnung keine Kultur. Die das Reich zur Machtlosigkeit verdammten und alle Reformversuche scheitern machten, das waren die Fürsten, die einen kleineren oder größeren Brocken der dem Reiche entglittenen Macht an sich gerissen hatten. Man ist versucht zu sagen, daß die schwerste Schuld in der deutschen Geschichte von den Tagen Heinrichs IV. an die deutschen Fürstengeschlechter trifft. Aber wir wollen nicht von Schuld reden, wir wollen nicht loben und tadeln. Die Geschichte ist kein Richter, der verdammt oder freispricht, und kein Schulmeister, der gute und schlechte Noten austeilt. Ihr Amt ist, um ein schönes Wort von Droysen zu wiederholen, zu verstehen, und ihre schönste Pflicht: die Gerechtigkeit Die aber besteht darin, geschichtliche Erscheinungen nur an den Maßstäben ihrer eigenen Zeit zu messen. Darum wollen wir nicht von subjektiver Schuld reden, weil deutsche Fürsten die Volkskräfte für ihre Hausmachtbelange verwandten — wohl aber von der objektiven Schädlichkeit dieses Treibens für unser Volk. Und das gilt für alle deutschen Fürstenhäuser. Wir können keines ganz davon ausnehmen. Denn was ist der Grundvorgang der alten deutschen Kaisergeschichte? Der Kampf der deutschen Könige und Kaiser mit den Herzogen der Stämme, mit den Fürsten des Reiches. Das wechselvolle Schauspiel der deutschen Kaisergeschichte war — vom Standpunkt der nationalstaatlichen Idee betrachtet und am Maßstab der glücklicheren staatlichen und volklichen Entwicklung der englischen und französischen Nation gemessen — ein Trauerspiel; und der tragische Held darin das deutsche Königtum, die großen Herrscherhäuser der Ottonen, der Salier, der Staufer. Ihre Aufgabe war, einen starken deutschen Staat zu schaffen, in dessen Rahmen aus den deutschen Stämmen ein Volk werden konnte. Da schürzte sich sogleich der Knoten tragischer Verwicklung. Denn: ohne Macht konnte das Königtum seine Aufgabe nicht lösen, konnte es seines Gegenspielers, der Selbstsucht und Sondersucht der Stämme und Fürsten, nicht Herr werden. Diese Macht aber war, wie die Dinge lagen, nur auf eine einzige Weise zu gewinnen und zu behaupten; und das war die Herrschaft in der deutschen Kirche. Nicht um einen Cäsaropapismus handelt es sich dabei, wie er im damaligen Byzanz bestand; in Fragen des Glaubens und der Kirchenzucht haben sich die deutschen Könige nicht eingemischt oder höchstens Bewegungen kirchlicher Kreise gefördert. Wohl aber mußten sie die Kirche insoweit 3* 35