Historische Blaetter 1. (1921)

Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik

Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik1 von Harold Steinacker Dem Bergsteiger, der sein Leben einsetzt, um die Hochgipfel unseres Landes zu bezwingen, kann es wohl begegnen, daß ihn an der schwierig­sten Stelle ein Unwetter überrascht. An die Wand gepreßt, muß er aus­harren, bis er weiterklettern kann. Läßt er in solcher Lage den Mut sinken, versagt die Kraft seines Willens, so ist er verloren. Was bewahrt ihn davor, zu verzagen? was befähigt ihn, sein Ziel heil und sicher zu erreichen? — Das Vertrauen auf seine Erfahrung, die Erinnerung an glücklich überstandene Bergfahrten. Er kennt ja die Gefahren und weiß, daß sie zu meistern sind: vor allem aber kennt er das Hochgefühl, mit dem ihn der bezwungene Gipfel lohnt. Die unvergeßlichen Stunden des Er­folges, der vollbrachten Leistung sind es, die in ihm die leidenschaft­liche Kraft des Willens entbinden, die seinen Blick nach oben bannen. Er schaut nicht mehr in die Tiefe; die Gefahr hat er vergessen, er muß hinauf, er will hinauf und — er kommt hinauf. Auch das deutsche Volk ist auf seinem steinigen Weg an einen ge­fährlichen Punkt gelangt. Es droht ihm der Absturz. Und wollen wir Deutsche nicht versinken in staatliche Ohnmacht, in Abhängigkeit von fremder Gewalt und fremdem Geist, in sittliche Zersetzung und inneren Zerfall, so müssen auch wir uns aufrichten an der Erinnerung ver­gangener Größe und früherer Leistungen. Nach oben müssen wir blicken, zu den Gipfeln, die unser Volk schon einmal erklommen. Dann wird auch uns leidenschaftlicher Wille zum Aufstieg erfüllen, empor zu Unabhängigkeit und nationaler Würde, zum alten Ansehen bei Freund und Feind. In diesem Sinne gedenken wir der Verkündigung des neuen Deutschen Kaiserreiches im Spiegelsaal zu Versailles, die sich heute zum 50. Mal jährt. Wir begehen damit, wohlgemerkt, keine politische Feier, sondern eine nationale. Nicht um politische Werte handelt es sich heute; nicht um Personen, noch um Fürstenhäuser, auch nicht um Lehrmeinungen über 1 Erweiterter Abdruck einer bei der Reichsgründungsfeier der Universität Innsbruck am 18. Jänner 1921 gehaltenen Rede. Er gibt mit geringfügigen Änderungen den Ent­wurf zur Rede wieder, die im Rahmen des Festaktes stark verkürzt gesprochen wurde.

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