Historische Blaetter 1. (1921)
Harold Steinacker: Geschichtliche Notwendigkeiten deutscher Politik
Nutz und Frommen dieser oder jener Staatsform. Es handelt sich heute einfach um einen Höhepunkt des nationalen Daseins, um eine Schicksalsstunde unseres Volkes. Ihr Gedächtnis wollen wir nicht benützen zu einem Bekenntnis in einer politischen Einzelfrage, so heiß es manchem auf dem Herzen brennen mag; wir widmen ihr vielmehr eine Stunde geschichtlicher Besinnung von der hohen Warte der Wissenschaft, in deren Haus wir versammelt sind. Denn in solchen Augenblicken hat die Geschichte das Wort »Was dem individuo das Gedächtnis, das ist den Völkern die Geschichte«, sagt ein deutscher Denker, der an sich der Geschichte nicht hold war. Oder stellen wir lieber zwei tiefe Worte des greisen Bismarck an die Spitze; sie sind heute am Platz, nicht nur weil sie vom Baumeister des neuen Deutschen Reiches stammen, sondern auch weil er sie an deutsche Studenten und an deutsche Hochschullehrer gerichtet hat. Das eine heißt: »Der Mensch kann den Strom der Geschichte nicht schaffen und nicht lenken; er kann nur auf ihm fahren und steuern; mit mehr oder weniger Erfahrung oder Geschick den Schiffbruch vermeiden.« Und das andere: »Man kann die Geschichte überhaupt nicht machen, aber man kann aus ihr lernen. Man kann die Politik eines großen Staates, an dessen Spitze man steht, seiner historischen Bestimmung entsprechend leiten: das ist das ganze Verdienst, was ich für mich in Anspruch genommen habe1.« Lassen Sie auch uns versuchen, aus der Geschichte zu lernen; zu lernen aus den Höhen und Tiefen, über die der Gang der deutschen Geschichte geführt hat. Ich glaube, dies Verfahren ist sowohl der Stimmung unserer Zeit angemessen als dem Ereignis, das wir begehen. Mit Absicht verzichte ich darauf, das neue Deutsche Reich unmittelbar zu würdigen. Ich würde Ihnen ja nur bekannte Dinge sagen, denn Sie haben das Glück und den Glanz Deutschlands und ebenso auch die Lücken und Schäden im Reichsbau mit eigenen Augen gesehen. Freilich so, wie eben Zeitgenossen ihre Zeit als etwas Gegebenes, Endgültiges, Selbstverständliches ansehen. In ruhigen Zeiten webt ja die Geschichte ihren Teppich unsichtbar. Ich möchte Ihnen vielmehr die geschichtliche Bedingtheit des Reiches aufzeigen, indem ich es mittelbar beleuchte; einerseits durch den Vergleich mit den Zeiten vor der Reichsgründung, anderseits durch den Vergleich seiner heute wieder schwankend gewordenen politischen Beurteilung mit der wissenschaftlich geklärten historisch-politischen Bewertung der alten Kaiserzeit. 1 P. Dehn, Bismarck als Erzieher (zum 1. April 1895 und zum 30. Juli 1892). io