Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

der Völker, wenn diese sich nur besser kennen lernen, etwa Studenten austauschen. Die Universität Berlin habe sehr wenige Franzosen, da­gegen hundertmal mehr Russen. Die Zeit werde alte Wunden heilen. Den Abschnitt über die Professoren leitet Bourdon mit der Bemer­kung ein, daß Deutschland weltliche Tempel habe, und das seien seine Universitäten. Denn hier bilde man Seelen und arbeite man im Unend­lichen. Ihr Verdienst sei es, nach Jena das zerschlagene Volk wieder aufgerichtet zu haben. Der deutsche Scheich ul Islam sei der Herr Pro­fessor! Bourdon wirft vielen unter den Gelehrten vor, daß sie so sehr eng­herzig und selbstgenügsam seien, aber es gebe auch andere, und zu diesen rechnet er vor allem diejenigen, die im Oktober 1912 an der Tagung für internationale Verständigung in Heidelberg teilgenommen hätten. Die Herren, die er besucht, sind Gustav Schmoller und Adolf Wagner. Nach Schmoller soll man nicht über Eisaß-Lothringen sprechen: denn dife Sache sei erledigt. Deutschland sei von den besten Absichten er füllt und habe Frankreich bei dessen kolonialen Unternehmungen ge­fördert. Frankreich dagegen mache sich zum Werkzeug Englands gegen Deutschland. Bourdon ist mit Schmoller unzufrieden und wirft ihm harte Einseitigkeit vor. Wagner gefällt ihm entschieden besser, obwohl sich dieser gleich anfangs als Preuße aus Herzensüberzeugung und später als Alldeutscher bekennt. Nach ihm ist Deutschland friedfertig, aus dem realistischen Grunde, daß es nichts von Frankreich haben will und selbst bei einem glücklichen Kriege nichts gewinnen könnte. Frankreich sei der Störenfried mit seinen Absichten auf Elsaß-Lothringen. Bourdon wendet ein, daß die Deutschen militärisch erzogen würden. Wagner erwidert lebhaft, daß die Franzosen seit Beginn ihrer Geschichte unendlich viel kriegerischer gewesen seien, daß sie auch ihren Kriegsruhm am höchsten schätzten. Der militärische Geist sei zu spät nach Deutschland ge­kommen, andernfalls hätte es nicht einige Jahrhunderte lang Niederlagen erlitten und den Feind bei sich gesehen. Nach einigem Hin- und Her­reden über die kriegerischen Absichten der beiden Völker, wobei natür­lich keiner den anderen zu überzeugen vermag, verwahrt sich Wagner dagegen, daß er den Krieg wünsche, weder mit Frankreich noch mit England. Der wahre Feind Deutschlands sei nämlich England, das es nicht verwinden könne, seinen industriellen und handelspolitischen Vor­rang verloren zu haben und es kühn von Deutschland finde, daß es eine Flotte zu halten wage. England spiele sein altes Spiel, die Völker gegeneinander zu hetzen. Trotzdem ist Wagner für den Frieden, be­sonders mit Frankreich. Beide Völker zusammen würden die Welt in die Schranken fordern können, aber alles sei vergeblich: denn Frank­139

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