Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

reich wolle eben nicht. Da deutet Bourdon an, daß Frankreich tatsäch­lich nie verzichten würde, nämlich auf Elsaß-Lothringen, und Wagner sagt milde zum Schluß: »Wenn ich Franzose wäre, würde ich wahr­scheinlich ebenso denken«. Den dritten Professor, zu dem sich Bourdon begibt, nennt er nicht, aber es wäre vielleicht möglich, ihn zu erraten. Es war ein publizistisch tätiger Historiker, von dem man wußte, daß er Frankreich nicht liebte. Eine Stunde lang hat Bourdon mit ihm gesprochen, er erkennt auch die große Höflichkeit an, mit der er behandelt wurde, aber das sachliche Ergebnis enttäuscht ihn völlig. Er wirft dem Professor vollkommene Un­kenntnis der französischen Verhältnisse und Mangel an gutem Willen, die Franzosen zu verstehen, vor. Aber auch dieser Feind, dessen Auf­richtigkeit auf Bourdon Eindruck macht, will nichts vom Kriege wissen und rühmt Jules Ferry. Die Franzosen brauchten sich nur weniger feind­selig zu stellen, dann würde alles gehen. Besonders freundlich war der Empfang, den Bourdon bei einigen hochadeligen schlesischen Diplomaten und Politikern fand. Er war bei dem Fürsten Lichnowsky, dem Fürsten Hatzfeld und dem Fürsten Schön- aieh-Carolath und ist sehr angetan von der großartigen Gastlichkeit, die ihm überall auf den wunderschönen Schlössern zuteil wurde. Lich­nowsky, der einige Wochen später (ernannt am 16. Oktober 1912) Botschafter in London wurde, wird als ein feingebildeter Eklektiker be­zeichnet, der liberale Neigungen in einer konservativen Seele eingestehe und den Widerstand streng verurteile, den die klassische konservative Partei jedem Fortschritt hartnäckig entgegenstelle. Bourdon ist sehr an­getan von der Unbefangenheit, mit der der Fürst die internationalen Angelegenheiten zu prüfen pflege, und besonders davon, daß er der Revancheidee gerecht zu werden wisse, wie in einem Aufsatz von »Nord und Süd« dargelegt sei. An den Krieg glaubt Lichnowsky nicht und er­wähnt auch, daß es in Deutschland Leute gebe, die weiter gingen und von einem wirksamen Bündnis zwischen den beiden Ländern träumten. Das sei aber Ideologie. Er für seine Person würde mit beiden Händen unterschreiben, aber sei ein solches Bündnis überhaupt möglich? Frank­reich habe in seiner reichen Geschichte Zeiten kultureller Herrschaft gehabt, dann aber auch schweres Unglück erlitten: könne man da ver­ständigerweise von ihm bescheidene Zurückhaltung und demütigen Ver­zicht verlangen? Würden nicht die Deutschen in derselben Lage wie die Franzosen ebensowenig vergessen? Die Ereignisse von 1870 seien für die Franzosen Imponderabilien. Niemand könne vorher wissen, wie lange sie noch ihre Macht über die Gemüter ausüben würden. Die Zeit 140

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