Historische Blaetter 1. (1921)

Alexander Cartellieri: Deutschland und Frankreich im Jahre 1912 nach einer Umfrage des "Figaro" in Deutschland

Deutscher habe ihm gesagt, das liege daran, daß die politische Wissen­schaft in Deutschland noch zu neu sei. Der Reichstag besitze keine Kenner der auswärtigen Politik, und die Abgeordneten seien darauf an­gewiesen, wenn sie eine Rede meinetwegen über Marokko halten wollten, sich vom Auswärtigen Amte das Material liefern zu lassen. Derselbe Gewährsmann klagt auch vor Bourdon über den Mangel an Über­lieferung. Die Hauptsache ist für den französischen Journalisten immer folgen­des : gerade die Kritik der marokkanischen Politik der Regierung durch die Abgeordneten beweist, daß sie selbst durchaus friedliebend sind. Das bestätigt ihm auch sein Besuch beim Präsidenten des Reichstages Johannes Kämpf. Dieser betont, daß er in erster Linie Industrieller sei und wie alle seine Berufsgenossen nicht im entferntesten an Kriege denke. Er bestreitet entschieden das Dasein einer Militärpartei und, wenn nicht das Dasein, so doch den Einfluß der Alldeutschen. Die All­deutschen — les pangermanistes — tauchen bei Bourdon nicht selten auf. Sie sind ihm ein Stein des Anstoßes auf dem Wege, den die deutsche Regierung nach ihren wiederholten Versicherungen glätten will. Immer wieder kommt er auf ihre Wirksamkeit zurück, und man merkt ihm deutlich an, daß er innerlich von ihrer Kriegslust überzeugt ist Gerade darum möchte er aber so gerne genau wissen, bis wohin eigentlich ihre tatsächliche Macht reicht. Der Abgeordnete Professor von Liszt, den er dann aufsucht, geht ziem­lich weit in seinem Tadel deutscher Personen und Verhältnisse vor einem Franzosen. Er bewillkommt ihn warm und bittet ihn, allen Franzosen in allen Tonarten zu sagen, es sei der brennende Wunsch Deutschlands, nicht nur mit ihnen in Frieden zu leben, sondern auch ihr Vertrauen und wenn möglich ihre Freundschaft zu gewinnen. Er hofft auf eine Verbindung der deutschen mit der französischen Kultur, er rühmt die Gastlichkeit Frankreichs, die er häufig auf Reisen erfanren habe, und bedauert die kalte Zurückhaltung, die man dort seit 1911 zeige. Er schiebt die Schuld auf die deutschen Minister, tadelt den Chauvinismus der Presse auf beiden Seiten und erklärt, daß, wenn die deutschen Liberalen die Füh­rung hätten, sie als Friedensfreunde die Rüstungen vermindern würden, was die Konservativen nicht wollten. Im übrigen scheine die Haltung Englands den Liberalen wie den Konservativen bedenklich, und, da Frankreich mit England zusammengehe, müsse Deutschland trotz seiner allgemeinen Friedensliebe sich zu Lande vorsehen, weil seine Flotte in einem Kriege aufs äußerste gefährdet sein würde. Liszt will von der ganzen Marokkopolitik nichts wissen, er hofft auf spätere Verständigung 138

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