Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

land aus unabhängigen, durch ein Bündnis vereinigten Staaten bestehen, Holland, vergrößert, unter die Herrschaft (souveraineté) des Hauses Oranien zurückkehren, die Schweiz einen Freistaat (Etat libre) innerhalb seiner alten Grenzen und unter der Garantie aller Großmächte (auch Frankreichs) bilden solle, daß Spanien wieder unter die Regierung des von den Bonaparte vertriebenen Bourbon Ferdinand VII. kommen und seine alten Gebietsgrenzen erhalten, Malta bei England bleiben solle. Italien werde, wie Deutschland, aus selbständigen, aber nicht konföde- rierten Staaten bestehen. Im allgemeinen galt das Prinzip der unab hängigen Souveränität für alle europäischen Staaten, wie sie der definitive Friede konstituieren werde. Dann wurden die von England, Schweden (Guadeloupe) und Portugal (Cayenne) an Frankreich zurückzuerstattenden Kolonien aufgezählt, nicht ohne den Vorbehalt, daß dessen Besitzungen in Indien lediglich kommerziellen Charakter tragen und dort keinerlei militärische Kräfte unterhalten werden dürfen. Eine Verschärfung er­fuhren diese Bedingungen dadurch, daß die Franzosen binnen kürzester Frist nach der Ratifikation des Friedens die von ihnen noch besetzten Festungen zu verlassen, bis dahin aber den Verbündeten drei feste Plätze in Frankreich einzuräumen hätten. Fast noch mehr aber als diese Forderung traf das stolze Selbslgefühl des Korsen die Bestimmung: »Der Kaiser der Franzosen anerkenne das Recht der alliierten Mächte, nach bestehenden Verträgen die Grenzen und Beziehungen sowohl der von Frankreich abgetretenen Länder als auch ihrer eigenen Staaten untereinander zu regeln, ohne daß die französische Regierung irgend­wie dabei zu intervenieren befugt sei«, was hier die besondere Be­deutung hatte, Napoleon jede Möglichkeit zu benehmen, für seine Alliierten (Westfalen, Sachsen) einzutreten. Diese Bestimmung hat sich übrigens dann auch in den Unterhandlungen mit dem Nachfolger Na­poleons, nur in milderer Form, erhalten und im Friedensschluß mit ihm Platz gefunden. Auf dem Wiener Kongreß sollte sie der Gegenstand entscheidender Erörterungen werden. Es kann nicht überraschen, daß Caulaincourt, der früher zu weitgehenden Zugeständnissen bereit gewesen wäre, jetzt, wo sein Herr im Vorteil war, ihn nicht zur Annahme solcher Bedingungen zu bestimmen ver­mochte. Napoleon äußerte sich nur verächtlich darüber und suchte in den Kriegsereignissen allein ihre Korrektur. Nur um für diese Zeit und Raum zu gewinnen, spann er die Verhandlungen in Chätillon weiter. Denn »ein auf seine alten Grenzen eingeschränktes Frankreich wäre unzertrennlich von der Wiederherstellung der Bourbons«, hatte er in der Instruktion für Caulaincourt geschrieben. Wollten daher die Verbündeten 9 Historische Blätter 129

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