Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

habe es durch sein Verhalten reichlich verschuldet, daß man über sein Gebiet nach Eroberungsrecht verfüge, und könne sehr zufrieden sein, ein schönes Stück Land (bel établissement) in Italien dafür zu erhalten. Damit wäre ihm besser gedient als mit einem bloßen Rest seines eigenen Gebietes. In der Geschichte gebe es für solche Versetzungen (déplace ments) Beispiele genug1. Aber Stadion ließ sich nicht gewinnen. Er war, obgleich er im letzten Juli aufs wärmste für die Beteiligung Österreichs am Kriege eingetreten war, keineswegs ein besonderer Freund Preußens, war es nie gewesen. Jetzt ist er es umso weniger, als Preußens Terri­torialansprüche nicht nur ganz Sachsen und polnisches Land bis zur Warthe, sondern auch Vorpommern und das ganze Rheinland von Mainz bis zur holländischen Grenze umfaßten, was er »übertrieben« und »skan­dalös« fand, während Metternich nichts dagegen einwendete \ Der Hin­weis auf die noch ungelöste polnische Frage zeigt deutlich den Zu­sammenhang der sächsischen mit ihr, wie er ja bereits im Breslauer Allianzvertrag angedeutet war. So bestimmt der Kanzler ganz Sachsen forderte, so hatte es doch den Anschein, als würde er, wenn der pol­nische Anteil nur entsprechend groß ausfiel, vielleicht doch nicht auf der uneingeschränkten Erwerbung von Kursachsen bestehen. Ob die Vorstellungen des Kanzlers auf Stadion Eindruck gemacht haben, wissen wir nicht. Aber es existiert von seiner Hand ein (unda- datierter) Entwurf eines Friedensvertrages mit Napoleon, worin es Art. XII heißt: die Häuser von Sardinien, Würzburg (Toskana) und der Papst würden in ihre alten Besitzungen eingesetzt mit Grenzänderungen, wie sie ihre politische Sicherheit und Unabhängigkeit verlangen oder nötig sind, um die Entschädigungen, die man dem kursächsischen Hause von Sachsen und dem herzoglichen von Este schulde, zu erzielen. Welcher Teil Italiens dafür damals ins Auge gefaßt war, erfährt man aus einer (ebenfalls undatierten) Denkschrift W. v. Humboldts über die Territorialverteilung in Italien (Gesammelte Schriften, XI. 101): »Zwischen den österreichischen Besitzungen und Piemont wird man den König von 1 Hardenberg an Stadion, 21. Jänner 1814. (Original im Wiener Staatsarchiv. Wiener Kongreß.) An die oben mitgeteilten Ausführungen schloß Hardenberg eine Kalkulation der Entschädigungen Preußens, »damit es wenigstens auf die Ziffer von 10 Millionen Seelen gelange«. Er wollte damit dartun, daß es trotz der Erwerbung von ganz Sachsen mit 1,9(K).000 Einwohnern, von denen übrigens 100.000 an die sächsischen Herzog­tümer abzutreten wären, noch immer etwa zwei Millionen, sei es in Polen, sei es auf dem linken Rheinufer zu erhalten hätte. Stadion hatte die Forderungen Preußens so­gar mit 13 Millionen berechnet, was Hardenberg mit seiner Aufstellung berichtigen wollte. Er machte übrigens im Eingang geltend, er sei mit Metternich übereinge­kommen, vorerst alle Objekte, die für die Entschädigung Preußens in Betracht kämen, festzustellen, ohne noch eine definitive Auswahl zu treffen. * Treitschke, Deutsche Geschichte, I. 534; Fournier, Kongreß von Chätillon S. 74 f.

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