Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
Sachsen unterbringen. Er erhält da das ganze Gebiet zwischen Piemont, der Schweiz, dem Addafluß und dem Po mit mehr als einer Million Einwohnern, die Hauptstadt wäre Mailand, wovon das Land »Herzogtum Mailand« zu heißen hätte, während der König seinen Königstitel behalten würde1. Inzwischen hatten die Ereignisse noch andere Fragen herangebracht, zu denen Stellung zu nehmen war. Eine davon betraf die Zukunft des Königreichs Neapel, das vom Schwager Napoleons, Joachim Murat, beherrscht wurde, dem bei der Auflehnung fast ganz Europas wider den Imperator um seine Krone bangte, die der angestammten bourbonischen Dynastie abgenommen worden war. Diese hatte sich seit einem Jahrzehnt mit Sizilien begnügen müssen, wo sie die Engländer mit ihrer Flotte beschützten. Schon die erste Katastrophe, die Napoleons Große Armee in Rußland ereilte, hatte Joachim I. besorgt gemacht, und er war seitdem bemüht, sich Österreich, der an Italien zumeist interessierten Großmacht, zu nähern. Österreich erwies sich entgegenkommend, wobei, wie es hieß, zärtliche Neigungen zwischen der Königin und Metternich, die noch von dessen Gesandtschaft in Paris stammten, mit im Spiele gewesen sein sollten. Zunächst wünschte Murat, der Wiener Hof möchte ihm seinen Hof garantieren, er wolle dafür neutral bleiben und seinen Schwager nicht weiter unterstützen. Kaiser Franz begnügte sich, Verhandlungen zu eröffnen und sie weiter zu spinnen, bis Murat sich mit seiner Sorge an Englands Sachwalter auf Sizilien, Lord Bentinek, wandte. Darüber war der Frühjahrsfeldzug 1813 ausgebrochen, an dem der König von Neapel nicht teilnahm, dessen Lage die militärischen Erfolge Napoleons nicht wenig erschwerten. Sie bestimmten ihn, sich nun doch wieder seinem Schwager zuzuwenden, der ihm, weil er die Armee entlassen hatte, gram geworden und von dem er nicht sicher war, ob er nicht am Ende, nach weiteren Siegen, Neapel seinen anderen Besitzungen in Italien angliedern würde. Als daher nach Ablauf des Waffenstillstandes die Aufforderung zu neuen Kriegsdiensten an ihn erging, gehorchte er dem Ruf, und als die schließlich erfolgte Eröffnung Österreichs ihn in Neapel aufsuchte, war er dort nicht mehr zu finden. Er kämpfte mit seinen Truppen im französischen Heer. Da kam es zur Schlacht bei Leipzig, und der Sieg der Verbündeten riß ihn wieder an deren Seite. 123 1 Im Präliminarvertrag von Chätillon (15. März) war noch die Etsch als Grenzfluß Österreichs angenommen. In Stadions Entwurf heißt es wie bei Humboldt: der Kaiser von Oesterreich werde als Grenzen seiner italienischen Länder die Adda bis zum Po und diesen bis zur Mündung des Po di Primaro in die Adria erhalten. Nach Humboldt sollte Venedig die Hauptstadt sein. Da Oesterreich seine italienische Grenze noch In Paris bis zum Ticino erstreckte, so fallen die beiden Denkschriften in die Zeit vorher.