Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

freigebiger gewesen sein dürfte1. Freilich konnte der preußische Kanzler die Wahrnehmung machen, daß nicht alle Staatsmänner Österreichs, was Sachsen betraf, mit Metternich übereinstimmten. So zum Beispiel Stadion nicht, den Kaiser Franz ins Große Hauptquartier mit sich genommen hatte. Metternich hatte dazu geraten, um sich den in der österreichischen Aristokratie beliebten und angesehenen Mann möglicherweise zu ver­pflichten, der ihm, seit er ihn im Jahre 1809 verdrängt hatte, nicht eben freundlich gesinnt war — ein heimlicher Antagonismus, der sich 1813 gemildert hat, sich aber nach dem Winterfeldzug verschärfen und später, auf dem Wiener Kongreß, aufs neue zur Geltung kommen wird. Die sächsische Frage spielte dabei mit. ln Frankfurt, Freiburg und Basel war der Süddeutsche Stadion in den wichtigsten deutschen Fragen tätig ge­wesen, hatte auch die des künftigen deutschen Territorialbesitzes studiert und äußerte sich nun in einer Unterredung mit Hardenberg, die dieser in seinem Tagebuch zum 20. Jänner besonders anmerkt, er könnte sich höchstens für eine nur teilweise Akquisition sächsischen Gebietes durch Preußen, nimmer aber für die Entthronung Friedrich Augusts aus­sprechen. Hardenberg schrieb darauf am nächsten Tag dem Grafen, dieser werde sich davon überzeugen, daß die Erwerbung ganz Sachsens für Preußen unentbehrlich sei, nicht nur, um es zu entschädigen, sondern um ihm die notwendige Festigung (consistance nécessaire) zu geben; eine teilweise Annexion würde weder den einen noch den andern Zweck erreichen. Man sei ja noch im unklaren, was man in Polen und auf dem linken (!) Rheinufer erhalten werde; auch habe man — Preußen und Rußland — England gegenüber sich verpflichtet, Hannover durch 300.000 Seelen zu vergrößern, und Darmstadt wolle gleichfalls für das Herzogtum Westfalen schadlos gehalten werden. Der König von Sachsen 121 1 Graf Munster schrieb später, am 9. Mai 1814, an den Prinzregenten Georg von England, Alexander I. habe in Paris sein Preußen in Basel gegebenes Versprechen, ihm Thorn und die Warthelinie zur Verbindung Ostpreußens mit Schlesien einzu­räumen, nicht gehalten. »He wished to encroach farther on the line of Thorn and the Warta promised at Basle.« Dieser Bericht ist in der bekannten in Deutschland er­schienenen Ausgabe Münsterscher Depeschen des Jahres 1814 nicht enthalten. Er findet sich aber auch im Archiv zu Hannover nicht, sondern nur in einer englischen Übertragung einer Anzahl Münsterscher Briefe, die unter dem Titel »Political Sketches of the State of Europe from 1814 to 67, by George H. Count Münster, Edinburgh 186S, auf S. 169. Zum Zwecke dieser von der Gräfin Harriet Münster, einer Eng­länderin, veranstalteten Ausgabe waren dem hannoverschen Archiv eine Anzahl Be­richte entlehnt worden, die man später nicht wieder zurückerstattet hat, so daß sie der Forschung nur in dieser englischen Übersetzung zugänglich sind. Es sind die Berichte aus Paris während der Friedensverhandlungen vom 20. April bis zum 30. Mai 1814. Daß es sich wahrscheinlich um den 16. Jänner handelt, geht aus der Tagebuchnotiz Hardenbergs zu diesem Tage hervor: »Le soir chez l’Empereur Alexandre sur les affaires de Pologne, de Saxe et de Danzic« in meinem »Kongreß von Chätillon« S. 361. Am 16. war man in Basel, u. zw. seit dem 13. Jänner.

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