Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

Der diplomatische Gewinn war Metternich sehr nötig gewesen, denn »der Minister der Koalition« stand eben, Ende Dezember 1813, im Be­griff, seinen bisherigen Einfluß auf Alexander I. einzubüßen. Entgegen seiner dem Zaren bereits gegebenen Zusage, man werde die Neutralität der Schweiz beim Einmarsch in Frankreich schonen, wie es der Kaiser einer Abordnung der jungen Kantone feierlich versprochen hatte, mußte Metternich schließlich dem Oberkommandanten der alliierten Armeen, Fürsten Schwarzenberg, und seinem Stabschef, Grafen Radetzky, bei­fallen, die den Durchmarsch durch Schweizer Land als unerläßlich bezeichneten. Dazu ist es dann auch, ohne den Zar lange zu verstän­digen, im Einvernehmen mit der Schweizer Regierung gekommen. Der eitle Monarch, der sich bloßgestellt fühlte, war empört und hat Metternich diese Treulosigkeit erst nach Jahren verziehen1. Jetzt entzog er ihm seine Gunst und sein Ohr und ließ Stein und Pozzo di Borgo, die geschwo­renen Feinde Napoleons, neue Geltung bei ihm gewinnen. Damit war Metternichs Absicht auf einen raschen Friedensschluß auch von dieser Seite blockiert, vollends als nun auch der Schweizer Laharpe, des Zaren einstiger Erzieher, und Czartoryski, der wieder zu Gnaden aufgenommen wurde, im Hauptquartier erschienen. Von ihnen bearbeitet, drängte Alex­ander jetzt nach Paris und wird später, wenn Czartoryski sich Gehör verschaffen wird, auch in der polnischen Frage hartnäckiger werden. Dazu vertiefte sich seine Abkehr von der österreichischen Politik noch an einer persönlichen Angelegenheit. Bald nach dem Sieg bei Leipzig — allerdings nicht vorher — verargte er es seinen Alliierten, daß sie nicht ihm, sondern Schwarzenberg das Oberkommando übertragen hatten. Denn er hielt sich auch für einen bedeutenden Feldherrn. Und da der Generalissimus den Krieg nur um des Friedens willen weiter führte, intriguierte er gegen ihn und gegen jede Absicht, ohne glänzende Kriegserfolge, die seiner Selbstgefälligkeit genügten — dazu gehörte sein Einzug in die französische Hauptstadt — Frieden zu schließen 2. Unter diesen Umständen sah Metternich, der nicht aufhörte, dem Frieden zuzustreben, keinen andern Weg vor sich, als den Zar politisch zu iso­lieren. Das konnte nur in der Art geschehen, daß er die Minister Eng­lands und Preußens auf seine Seite brachte und Alexander durch das 1 Alexander pflegte bei Versprechungen sein Ehrenwort zu verpfänden, häufig ohne es später einlösen zu können. (Siehe hierüber meine »Geheimpolizei auf dem Wiener Kongreß« S. 34.) In diesem Falle hatte er es einer ehemaligen Gouvernante seiner Schwester Marie, einer Schweizerin aus Morges, gegeben, die als Abgesandte von Waadt bei ihm erschien. (Klinkowström, Oesterreichs Teilnahme S. 213, 777.) 1 Über Alexanders Mißstimmung wegen des Oberbefehls siehe dessen Korrespon­denz mit seiner Schwester Katharina a. d. J. 1814 und meine »Geheimpolizei« S. 40. 1 TO

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