Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
durch annehmbare Bedingungen für den Frieden zu gewinnen, aufgeben mußte, obgleich Frankreichs neuer Minister des Äußern, Coulaincourt, auch was die Grundlagen der Friedensverhandlung betraf, eine zustimmende Antwort gab. Es war Österreich so viel an der Unterstützung Englands, nicht nur durch das Geld seiner Subsidien, sondern namentlich gegen Alexanders polnische Pläne, gelegen, daß Metternich den mißtrauisch gewordenen Aberdeen beschwichtigen mußte, indem er sein Werk vom 9. November rundweg verleugnete. Sein Kaiser sei, schrieb er dem Engländer in der verlangten bindenden Form, keineswegs der Meinung, daß auf einem allgemeinen Kongreß über Seerecht gehandelt werden solle, dagegen stets dafür eingetreten, die künftigen Grenzen Hollands müßten einen Gegenstand der Verhandlung und die Unabhängigkeit dieses Staates eine unerläßliche Bedingung bilden. Auch habe das österreichische Kabinett zu sehr die Überzeugung gewonnen, jede Erörterung der sogenannten natürlichen Grenzen sei nur geeignet, von tatsächlichen Fragen abzulenken (ne peut qu’écarter les questions de fait), als daß es ein so wenig definiertes Prinzip als Friedensgrundlage in Gebrauch nehmen wollte. Er erinnere zugleich den Lord, wie er, was die Ausfertigung betreffe, das Memorial St. Aignans niemals für verpflichtend (obligatoire) angesehen habe1. Damit hatte Metternich sich allerdings England aufs beste empfohlen und konnte fortan auf Castlereagh rechnen,deram lß.Jännerselbst im Hauptquartier der Verbündeten erschien2. Dieser hatte sich übrigens, noch bevor er London verließ, auch dort von den Vertretern Österreichs, Preußens und Rußlands eine Erklärung geben lassen, daß ihre Höfe sich stets einer Erörterung von Seerechtsfragen widersetzen würden3. 1 Wiener staatsarchiv, Frankreich, Varia 79. Abschrift mit der irrigen Jahreszahl 1814 statt 1813. * Castlereagh meinte offenbar Metternichs erste Antwort vom 28. November, als er am 10. Dezember an Aberdeen schrieb: * I give great credit to Metternich for his answer to your note. It is loyal and gentlemanlike.« Etwas abweichend schrieb Graf Münster am 22. Dez. ' 1813 vertraulich an den Prinzregenten nach London: »(Aberdeen) a récemment été trompé par le ministre qu’il croyait été son ami intime. Metternich... voudra toujours du mal ä L. Aberdeen d’avoir été découvert dans le projet de le tromper.« (Archiv Hannover.) * Gentz an den Hospodar der Walachei am 13. Jänner 1814 aus Freiburg (bei Klinkowström, Oesterreichs Teilnahme am Befreiungskrieg, S. 217). Er fügte seiner * Nachricht folgendes hinzu: »Der Hauptgrundsatz Englands bestand immer darin, daß die Rechte der neutralen Flagge bei Seekriegen weder durch ein allgemein gültiges Gesetz, noch durch einen Kongreß festgesetzt werden könnten, sondern nur durch besondere Verträge unter den Mächten und mit jenen Modifikationen, welche sich aus seinen Beziehungen mit diesem oder jenem Staat ergaben. Dies ist im Grunde der wesentliche Inha’t dessen, was man häufig seinen Seekodex nannte. Da also die englische Regierung diesen Grundsatz selbst während ihrer größten Bedrängnisse aufrechterhalten hat, so mußte man darauf gefaßt sein, daß sie denselben nicht im Augenblick ihres schließlichen Triumphes -aufgeben werde.« Metternich sah ein, »daß der baldigen Wiederherstellung des Friedens nichts so sehr im Wege stehen würde als die Erörterung dieser seerechtlichen Fragen«. »Man kam daher mit der englischen Regierung überein, daß man dieselben nicht gestatten würde.«