Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

daß es an Preußen zurückfiel. Sachsen würde dann hiefür eine Ent­schädigung erhalten1. Dieser Traktat störte nun die Kreise der beiden Alliierten sehr emp­findlich; denn wenn Sachsen aufhörte, Frankreichs Verbündeter zu sein, waren Warschau und Sachsen keine Eroberungsobjekte mehr. Sie hielten denn auch mit abfälligen Urteilen nicht zurück. Und im Grunde hatten sie auch mit dem völkerrechtlichen Einwand nicht unrecht, daß ein Kämpfer, wie es Sachsen bis in die allerletzte Zeit an der Seite Napoleons gewesen war und dessen Lande sich in ihren Händen befanden, doch nicht so ohneweiters und ohne sie gefragt zu haben, aus dem Streit treten konnte. Sie erkannten Sachsens Neutralität nicht an2. Kurz vorher hatten sie in Wien eine Aussprache über die deutsche (Rheinbund-) und die polnische Frage angeregt und waren ohne Antwort geblieben. Alex­ander I. hatte eine Unterredung mit Franz I. gewünscht, und man war ^ausgewichens. Metternich hatte jede Annäherung vermieden, um nur nicht im Kampf mit Napoleon, der inzwischen wieder zu Kräften ge­kommen war, die russischen Vergrößerungspläne fördern zu müssen. Und um dem Imperator auch den Rheinbund aus den Händen zu winden, wenn nicht auch, um einem Vorwiegen Preußens in Deutschland zu begegnen, falls es seine Ansprüche auf Polen aufgab, hatte der Österreicher sich noch an andere deutsche Königreiche (Bayern, Württemberg) gewendet, bereit, auch ihre Neutralität mit der Garantie ihrer Souveränität zu honorieren. Diese Haltung Österreichs, dessen Herrscherhaus im Süden Deutsch­lands noch starkes Ansehen besaß, während für Preußen jegliche Sym­pathie fehlte, bewirkte schließlich, daß Friedrich Wilhelm III. mit den sächsischen Lausitzen sich begnügen und den Sachsenkönig dafür mit Ansbach und Bayreuth entschädigen zu wollen erklärte, die freilich längst von Bayern in Besitz genommen waren4. Daß Rußlands Absichten sich 1 O n ck e n, Österreich und Preußen, II. 636. Napoleon erkannte richtig, daß Metternich, indem er Friedrich August mit ihm entzweite, die Regelung der polnischen Frage befördern wollte, aber nur in dem Sinne einer Rückkehr Warschaus an Preußen. Warum dieser Politik etwas »menschlich Niedriges« (Luckwaldt, S. 212) anhaften sollte, ist nicht zu verstehen. 2 Ulmann, I. 288, Luckwaldt, S. 216. Ein Beispiel ähnlicher Art erlebten wir 1917 als Rußland sich neutral erklärte, allerdings mit Zustimmung seiner Feinde. 3 Luckwa Idt, S. 215. 4 Oncken, II. 106. Der hannoversche Graf Hardenberg schreibt an Graf Münster: Der Wiener Hof habe, um Bayern entgegenzukommen, den preußischen eingeladen, Bayern wegen seines Fortbesitzes der beiden fränkischen Fürstentümer zu beruhigen, wozu sich Friedrich Wilhelm III. je nach Maßgabe von Bayerns Verhalten im Kriege bereit erklärte. Wenn aber Preußen Gelegenheit hätte, die beiden fränkischen Fürstentümer an Sachsen als Ersatz für die Lausitz zu geben, »qu’elle convoite, dési- rant étendre ses frontiéres jusqu’ä l’Elbe depuis la Boheme jusqu’au territoire de Hamburg, et récupérer en outre les pays de Magdeburg, Halberstadt et la vieille Mark«, würde es dies vorziehen.

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