Historische Blaetter 1. (1921)

August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden

dadurch gleichfalls ermäßigten, ergab sich von selbst, da Preußen zu seinem vollen Landbesitz von 1806 nun doch nur noch durch Teile des Herzogtums Warschau emporgebracht werden konnte. Jetzt allerdings suchte Metternich auch seinerseits einen Weg zu den Verbündeten. Er trat als gerüsteter Vermittler auf und erklärte ihnen, in baldiger Frist zur Zurückdrängung Napoleons hinter den Rhein mitwirken zu wollen, wenn dieser Bedingungen, die Österreich ihm stellen würde, ablehnen sollte. Der als Franzosenfeind im Lager der Alliierten geschätzte Graf Philipp Stadion, der Minister des Kriegsjahres 1805, der insbesondere dem Zaren von der Zeit seiner Petersburger Gesandtschaft her genehm war, ward wieder in den Staatsdienst gezogen und mit Aufträgen ins Haupt­quartier der beiden Monarchen gesandt. Es war in der ersten Mai­woche 1813. Das w.aren aber gerade Tage folgenschwerer Ereignisse. Napoleon hatte in Frankreich neue Truppen votiert erhalten, hatte sich auf scharfsinnig rücksichtslose Weise das nötige Geld verschafft und stand schon im April wieder so kräftig da, daß die süddeutschen Fürsten des Rhein­bundes, Bayern und Württemberg voran, Österreichs Neutralitätsvor­schläge ablehnten und sich dem Imperator mit ihren Kontingenten zur Verfügung stellten1. Und da es nun kam, daß die Franzosen am 2. Mai 1813 bei Groß-Görschen über Russen und Preußen siegten und bis Dresden und darüber hinaus nach Osten vorrückten, so sah sich auch Sachsen genötigt, dem Neutralitätsvertrag mit Österreich zu entsagen und seine Truppen, wie Napoleon kategorisch forderte, wieder unter Frankreichs Befehle zu stellen. Endlich strebten auch die polnischen Truppen aus dem Herzogtum Warschau — ein Armeekorps unter Poniatowski, das auf österreichisches Gebiet gedrängt worden war — dem Franzosen­kaiser zu, und die neutrale Wiener Regierung, auf die dessen Kriegs­erfolg tiefen Eindruck gemacht hatte, tat nichts, um ihnen den Durch­marsch nach Westen zu erschweren. Übrigens war schon im April ein Appell Rußlands und Preußens an die polnische Nation — Fürst Radzi- will, ein Verwandter Friedrich Wilhelms III., hatte ihn nach Warschau überbracht — ohne Echo verklungen. Als dann am 20./21. Mai von den Franzosen auch noch eine zweite Schlacht (bei Bautzen) gewonnen wurde, rückten die Eroberungsabsichten der beiden verbündeten Herrscher vollends in nebelhafte Fernen. Mit diesen Erfolgen der französischen Waffen schien sich Napoleons Übergewicht in Europa aufs neue zu begründen, dem man sich doch hatte entziehen wollen. Da trat England, das bisher noch gezögert hatte, 1 S. meinen »Napoleon I.« III. S. 152 f. 105

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