Historische Blaetter 1. (1921)
August Fournier †: Die europäische Politik von 1812 bis zum ersten Pariser Frieden
erweiterung des Nachbarreichs nach Westen her, wie sie da geplant war, nicht, als sollte dessen Übergewicht das französische ablösen? Stand da nicht der Fortbesitz Galiziens für Österreich in Frage, der von Napoleon 1812 seinem Schwiegervater Franz ausdrücklich garantiert worden war? Namentlich wenn es mit dem nationalen Königreich Polen und seiner liberalen Verfassung Ernst wurde. Dem mußte entgegengewirkt werden. Jedenfalls konnte von einem Beitritt Österreichs zu der Aktionspolitik des Zaren nicht die Rede sein, der auch dadurch das Mißtrauen des Wiener Hofes herausforderte, daß er ihn gar zu freigebig auf Italien als Entschädigung verwies. Auch hatte es in dem Brief an Czarioryski geheißen, die Ausführung des polnischen Projektes sei an die Fortschritte der russischen Waffen geknüpft1. Sollte da Österreich zu diesen Fortschritten mithelfen und die sehr geringen Streitkräfte, über die es zu Beginn des Jahres 1813 verfügte, gegen sein eigenes Interesse verwenden? Dazu entschloß man sich in Wien selbstverständlich nicht; dagegen mahnte Metternich in England, Rußland und Frankreich eifrig zum Frieden, ohne mehr damit zu erreichen, als daß Österreich dann in die Lage kam, die 1812 geschlossene Allianz mit Napoleon zu lockern und Zeit gewann, um sich militärisch zu rüsten, wie es die neuen Umstände forderten. Man meinte dabei in Wien zunächst, sich damit mehr gegen Osten als gegen Westen in Stand zu setzen. Bei dieser vorerst ablehnenden Haltung der österreichischen Regierung war es für Alexander doppelt wichtig, sich mit Preußen möglichst rasch zu verständigen. Denn sein Heer war auf dem Marsch hinter dem weichenden Napoleon her bis zur Unzulänglichkeit eingeschrumpft, und es war für die Fortführung des Waffenkampfes unerläßlich, die neuorganisierte Streitkraft Preußens zu gewinnen. Nur galt es, sie zu gewinnen, ohne auf die polnischen Entwürfe verzichten zu müssen. Und das gelang. Die russischen Truppen hatten, nachdem ihnen Fürst Schwarzenberg, der Führer des österreichischen Hilfskorps, das Napoleon zur Seite in Rußland gefochten hatte, in einem Waffenstillstand den Weg dahin freigegeben hatte, das Herzogtum Warschau besetzt und der Zar empfing in Kalisch den zu ihm gesandten preußischen Unterhändler General Knesebeck. Xis dieser nun, seinem Auftrag gemäß und noch darüber hinaus, dieses Herzogtum, soweit es die alten polnischen Provinzen Preußens enthielt, zurückforderte, sandte Alexander, auf den Rat seines Vertrauensmannes in deutschen Dingen, des Freiherrn vom Stein, 101 1 »A mesure que les succés des armées russes seront plus grands et plus complets, ä mesure aussi la réalisation de mes intentions et de mes plans sur la Pologne sera plus certaine.« Mazade a. a. O. p. 206f.