Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

78 Geschichte des Jahres. genüber, unbekümmert um das Völkerrecht, die Initiative ergreifen. Deputationen aus Umbrien und den Marken, welche den König anflehten, sie von dem Drucke, den die ausländischen Söldner angeblich ausübten, zu befreien: dienten dem Gra­sen Cavour als Vorwand für ein, vom 7. Sep­tember datirtes Ultimatum an den Cardinal Anto- nelli, worin Sardinien die Auflösung jener Regi­menter verlangte. Die Note gelangte am 10. an den Ort ihrer Bestimmung. Die Curie bedachte sich zwar keinen Augenblick, die Forderung zurück­zuweisen: allein ehe der ablehnende Bescheid in Turin angekommen war, überschritten die Generale Cialdini und Fanti am 10. von der Romagna und von Toscana aus die Grenze, da an mehreren Punkten des Kirchenstaates Aufstände ausbrachen, die zum Theil, namentlich in Fossombrone, eben so blutig unterdrückt wurden, wie das Jahr zuvor die Jnsurrection Perugia's. Die achttägige Campagne endete am 18. mit einer Schlacht unter den Mauern von Ancona, in welcher Cialdini das Corps La- ntoticiére’é zersprengte und der die Beschießung der Festung von der Seeseite her durch die sardi- nische Flotte auf dem Fuße folgte. Ein Memoran­dum des Grafen Cavour vom 12. sollte diesen küh­nen Schritt der Turiner Negierung vor den Augen der Welt rechtfertigen: der Inhalt des Schriftstückes, so weit derselbe zur Aufklärung der Situation bei­tragen mag, läuft darauf hinaus, daß Sardinien Rom und seine Umgebungen gewissenhaft achten, auch die venetianische Frage um des Friedensbe­dürfnisses, das Europa empfindet, einstweilen ruhen lassen will. Für die weitere Entwicklung der Dinge fällt jetzt dreierlei iu's Gewicht: erstens die Stellung Garibaldi's zu Victor Emmanuel; f o- dann die Stellung Frankreich's zu den Einheits­bestrebungen der Italiener; schließlich die Hal­tung der übrigen, und ganz vorzüglich der drei östlichen Großmächte. Was nun zunächst den Dic- tator anbelangt, so ist — wenn wir von losen Gerüchten und von Prvclamationen, deren Echtheit zweifelhaft erscheint, abstrahiren — vor der Hand nur so viel gewiß, daß Garibaldi, wie in Palermo, so auch in Neapel keine Eile zeigt, sich augenblick­lich der Dictatur zu entkleiden und die Annexion zu proklamiren, ehe er eine Bürgschaft dafür besitzt, daß ein solcher Akt auch wirklich dem „Königreich Italien" und nicht blos dem Hause Savoyen, oder gar dem ländersüchtigen Protector jenseits der Al­pen zu Gute kommen würde. Napoleon selber steht wieder einmal da wie die Sphinx der Alten, in ein undurchdringliches räthselhaftes Schweigen gehüllt, dem doppelsinnige Reden und einander widerspre­chenden Handlungen einen noch vieldeutigeren Anstrich geben. Der Kaiser war eben auf der Reise begrif­fen, auf der er die Huldigungen der neuerworbe­nen Landestheile entgegennahm: als die Katastrophe über Neapel und den Kirchenstaat hereinbrach. Allenthalben haranguirte er die Deputationen der savoyischen Städte mit Frieden verheißenden Wor­ten : da machten ihm Minister Farini und General Cialdini in Chamberry ihre Aufwartung. Unmit­telbar nach ihrer Rückkehr ging die Invasion des Kirchenstaates vor sich. Freilich berief nun Napo­leon seinen Gesandten, Baron Talleyrand, aus Tu­rin ab: allein wird dadurch die Thatsache aus­gewogen, daß Cialdini, so zu sagen, von der Audienz bei dem Kaiser der Franzosen in das Hauptquar­tier der Expeditionsarmee eilte? daß der Besatzung Rom's in officieller Weise angezeigt ward, die kai­serliche Garnison habe dem bevorstehenden Kampfe mit gekreuzten Armen beizuwohnen und sich auf die Vertheidigung Rom's mit der Comarca, Civitavec- chia's und Viterbo's zu beschränken? Auch tn Be­treff der Mächte müssen wir uns, wenn wir uns nicht in vage Vermuthungen verlieren wollen, mit der Notiz begnügen: daß die Möglichkeit einer Wie­derherstellung der heiligen Allianz durch die Ereig­nisse in Neapel und im Kirchenstaate allerdings nä­her gerückt worden ist; daß dieselbe indeß schwerlich schon aus Anlaß der römischen, mit größerer Wahr- scheinlichkeit dann zum Abschlüsse gedeihen wird, wenn die Lösung der venetianischen Frage von den Italienern wirklich mit Waffengewalt versucht wer­den sollte. Die ersten Keime einer zukünftigen Koali­tion sind während des verflossenen Jahres aber ganz unzweifelhaft gelegt worden: und die Schritte, die zu einem derartigen Resultate führten, müssen wir mindestens registriren, wenn wir gleich außer Stande sind, über Erfolg und Tragweite derselben etwas Gewisses zu melden. Die Initiative war diesmal von Preußen ausgegangeu. Schon am 23. October hatte der Prinzregent in Breslau ein Rendezvous mit dem Kaiser Alexander II. gehabt, um sich mit ihm, wie die „Preuß. Ztg." sich ausdrückte, „über die gemeinsame Wahrung der Fundamente zu verstän­digen, auf denen der europäische Rechtszustand, so wie die Bürgschaften des europäischen Friedens be­ruhen." Die dem großen Publikum sichtbare Folge dieser Zusammenkunft war die alsbaldige Entlassung des Kriegsministers Bonin, der zur Zeit des orien­talischen Krieges ein Handinhandgehen Preußens mit Rußland für „Selbstmord" erklärt hatte. Sollte das eine Aufmerksamkeit gegen den Czar sein: so bewies die Wahl des Generallicutenant v. Roon zum Nachfolger Bonin's, doch bald, daß der Prinz­regent auf jenem Posten vor allen Dingen einen Militär brauche, der zugleich Hofmann genug sei, um die ungemein kostspielige Armeereform, welche Se. königliche Hoheit beabsichtigte, im Nothfalle ohne, ja gegen den Willen der Kammern in unkonstitutioneller Weise durchzuführen, wozu der abgetretene General sich niemals hergegeben haben

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