Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)
Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres
Geschichte des JahreS. 79 würde. Preußen schwebte seit dem Frieden von Villafranca, nicht ohne guten Grund, in beständiger Angst um die Rheingrenze: zur Sicherung derselben aber schien auch das liberale Ministerium nicht im Mindesten eine Kräftigung des Volksgeistes, sondern lediglich eine Vermehrung der bewaffneten Macht für nothwendig zu erachten — wenigstens handelten die Herren durchaus so, als seien sie von dem, unter der Regentschaft völlig unverändert gebliebenen Militärkabinete Friedrich Wilhelm's IV. nur vorgeschoben worden, weil die Kammern Anstand genommen haben würden, dem Ministerium Manteuffel die ungeheuren Summen zu bewilligen, welche die Heerorganisation erforderte. Zwar wurden dem am 12, Januar eröff- neten Landtage auch einige freisinnige Vorlagen gemacht: allein die Regierung hatte — obschon cs in ihrer Hand lag, durch einen Pairsschub sich die Majorität in der ersten Kammer zu sichern — gar nichts dagegen einzuwenden, daß das Herrenhaus alle diese Anträge, die Aufhebung der Wuchergesetze und der Grundsteuerbefreiungen, so wie die Einführung der Civilnvthehe mit der größten Nonchalance verwarf. . Der zweiten Kammer blieb dafür der Zeitvertreib, sich in den heftigsten Diatriben gegen den Bund, gegen Oesterreich, gegen Dänemark und gegen die kurhessische Wirthschaft zu ergehen; die Bedrängniß Schleswig-Holsteins und die Verfassungsoktroyirung in Kassel vor ihr Forum zu ziehen. Alles das konnte auch nicht im entferntesten praktische Folgen haben: denn wie im eigenen Lande, so hatte das Berliner Kabinet auch in Frankfurt nicht für Hessen, noch für die Elbherzogthü- mer Sorge zu tragen. Hier wie dort nnd dort wie hier betrachtete es Kräftigung der Militärmacht als seine einzige Aufgabe: und was in Preußen die Armeereform, das sollte in Deutschland die Revision der Bundeskriegsverfassung leisten. Eine solche begehrte Preußen in der Weise, daß i h m das unbedingte Oberkommando in Norddeutschland, Oesterreich dasjenige über Süddeutschland zugefallen wäre: allein in Frankfurt fand es an den Mittelstaaten, die vielmehr eine Dreitheilung des Oberbefehles begehrten, weit zähere Gegner, als in Berlin an den Deputirten, deren Oppositionslust in der Militärfrage sich schließlich durch Aufführung einer Farce beschwichtigen ließ. Das Ministerium zog nämlich scheinbar die betreffenden Entwürfe zurück ; und beanspruchte blos ein Vertrauensvotum von 9 Millionen, mit welcher Summe der Kriegsminister den provisorischen Armeestand nach Maßgabe der vorjährigen Mobilisirung aufrecht erhalten sollte. Am 15. Mai ward das Geld in Form eines „einstweiligen" Supplementarkredites bewilligt: kaum aber waren acht Tage später die Kammern entlassen worden, als Herr v. Roon, der noch während der Session die Obersten der neu zu kreirenden Regimenter designirt hatte, die ihm vom Finanzminister zur Verfügung gestellten Mittel zur sofortigen d e- f i n i t i v e n Durchführung der Heeres-Reorgani- sation verwandte. Das Institut der Landwehr ist damit beseitigt, die Zahl der stehenden Truppen tun 80,000 Mann vermehrt, die Steuerlast des Landes tun einen Betrag erhöht, worden, dessen Größe sich nach der eigenen Aussage des Finanzministers, im Augenblicke noch gar nicht genau berechnen läßt: denn der nächste Landtag muß natürlich gute Miene zum bösen Spiel machen und den Unterhalt von Soldaten votiren, die wieder nach Hause zu schicken, über seine Kräfte hinausgeht. Im Vertrauen auf eine so beträchtliche Steigerung seiner Kriegsmacht, fühlte der Prinzregent sich dann berufen, am 26. Mai in Trier bei der feierlichen Eröffnung einer Eisenbahn den herausfordernden Anspielungen der französischen Zeitungen und Brochuren auf die Rheingrenze mit der solennen Erklärung zu begegnen: „Preußen werde nie dulden, daß auch nur Ein Fuß breit deutschen Bodens abgetreten werde"", und die wiederholte Einladung Napoleon's zu einer Zusammenkunft der beiden Herrscher zuletzt nur unter der Bedingung anzunehmen, daß die bedeutendsten Souveräne des Bundes derselben beiwohnten. So gewann der Fürstentag von Baden-Baden, obwohl der Prinzregent und der Kaiser die Hauptrolle dort spielten, einen beinahe prononcirt antifranzösischen Character. Außer den Staatschcfs von Frankreich und Preußen fanden sich daselbst vom 15. Juni ab die Könige von Baiern, Hannover, Sachsen und Würtemberg, die Großherzoge von Baden und Hessen, der Herzog von Nassau und mehrere andere Bundesmit- glieder ein. Der eigentliche Schwerpunkt des Con- gresses scheint eben gar nicht in den gemeinsamen Besprechungen der deutschen Souveräne mit dem Kaiser gelegen zu haben, sondern darin, daß nach der Abreise des letzteren der Prinzregent am 20. die ersteren um sich versammelte und ihnen seine Genugthuung aussprach, „weil man die Einigkeit Deutschlands für den Moment, wo dem Vaterlande Gefahr drohen möge, konstatirt habe"" — wenn er hinzufügte, „Napoleon habe friedliche Versicherungen abgegeben und die Ueberzeugnng mitgenommen, daß man ihnen Glauben schenke"", so hatte das, nach dem Vorangegangenen, fast den Anstrich einer bloßen Höflichkeitsphrase. Um so mehr, als durch Baierns Vermittlung sofort die Verhandlungen Behufs einer Annäherung der beiden deutschen Großmächte aneinander ihren Anfang nahmen. Bald waren die Vorarbeiten so weit gediehen, daß am 25. Juli die persönliche Begegnung des Kaisers von Oesterreich mit dem Prinzregenten ftattfinden konnte. Was hier verabredet ward, wird nach den bisherigen Enthüllungen etwa darauf hinauslaufen: daß Preußen die Minciolinie, zwar nicht gegen einen