Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres. 75 stören, dessen Beistände er überhaupt denjenigen Eng­lands bei weitem vorzog. So lange Victor Emmanuel das blinde Vertrauen Garibaldi's in die Kräfte Ita­liens theilte und demgemäß handelte, hatte der re galantuomo keinen ergebneren Diener als den Dic- tator: von dem Momente ab, wo er von dieser Bahn ablenkte, wo Piemont aufhörte, das Substrat, imb der König das Werkzeug für die Gründung der italieni­schen Monarchie zu sein, waren sie für Garibaldi alle Beide weniger als Nichts. Nachdem Garibaldi sein Ministerium gebildet, in welchem Crispi seine Haupt­stütze, richtete er natürlich sein Augenmerk zuerst ans die Organisirung eines tüchtigen Heeres. Die Aushe­bungen in Sicilien nahmen nicht den besten Fort­gang : aber die massenweisen Zuzüge aus Oberitalien entschädigten dafür reichlich. Nino Bixio, der bei Calatafimi, Türr, der bei der Erstürmung Palermos verwundet worden war, waren mit dem Dictator nach Marsala hinübergekommen; bald darauf trafen Mez- zacapo und Malenchini ein: endlich landete am 20. Juni die Brigade Medici und wenige Tage später die Brigade Cosenz im Hafen von Palermo. Mit den Lokalmilizen schätzte man die Zahl der Garibaldi zur Verfügung stehenden Soldaten auf 40,000 Mann: und gleichzeitig legte er, durch Ankäufe trefflicher Schiffe in England und Frankreich, das Fundament zu einer Flotte, welche durch die Treulosigkeit der neapolitanischen Marine in kurzer Zeit wesentliche Verstärkungen erhielt. Seine Regimenter numerirte der Dictator nun allerdings so, daß die Ziffern sich an die letzte der sardinischen Regimenter anschlossen: von einer Annexion der Insel an Piemont jedoch wollte er im Augenblicke um keinen Preis etwas wis­sen — dadurch werde blos der Eifer Norditalien's und der Insulaner selber für die Befreiung der Terraftrma und des Kirchenstaates abgekühlt. Am 13. Juni schiffte sich in Palermo La Farina aus, ein geborner und aus der Revolution von 1848 her berühmter Sicilianer, der die Zeit seines Exi- les in Turin verlebt hatte: sobald der Dictator in ihm ein verkapptes Instrument Cavour's erkannte, wies er ihn am 13. Juli mit Gewalt von der Insel aus, ohne sich an das Geschrei der Annexio- sten zu kehren. Nachdem er indeß dem Turiner Premier gezeigt, daß es ihm mit seiner erklärten Willensmeinung voller Ernst sei, gab er auch ein Unterpfand dafür, daß ihn keine ehrgeizige Selbst­sucht mißleite. Ein zweiter Vertreter Cavour's, der Deputirte Depretis, ward in Palermo nicht nur gut ausgenommen, sondern auch für die Dauer der bevor­stehenden Abwesenheit Garibaldi's zmn Prodictator er­nannt : selbst dagegen, daß derselbe, um der Ausbrei­tung der Anarchie vorzubeugen, das sardinische Sta­tut proklamirte, wandte der General nichts ein, da Depretiö alle Annexionsintriguen unterließ und mit dem nunmehrigen dirigirenden Staatssecretär Crispi im besten Einverständnisse lebte. Kaum waren diese Anordnungen und Vorbereitungen getroffen, als der Dictator gegen Messina aufbrach. Schon seit dem 8. Juli hatte die Brigade Medici in Barcellona festen Fuß gefaßt; wenige Tage später hatte der Commandant von Messina, General Clary, den Obersten Bosco, auf dessen wiederholtes Andrin­gen, mit Verstärkungen nach dem festen Hafenorte Milazzo gesandt, in dessen unmittelbarer Nähe Bar­cellona liegt. In dieser Gegend ziehen sich die Ausläufer der Gebirgskette hin, welche Messina gegen einen Angriff von Westen her deckt: die dor­tigen Defileen haben demnach für diese Stadt die­selbe Bedeutung, wie die Pässe von Calatafimi für Palermo. Die ersten Vorpostengefechte zwischen Me-« dici und Boseo am 17. und 18. fielen jedoch nicht zum Vortheile des letztern aus: am 19. langte Garibaldi mit frischen Truppen aus Palermo auf dem Seewege an, und schon am 20. unternahm er einen allgemeinen Angriff auf die feindlichen Stellungen. Bosco hatte den Grund, auf dem seine 7000 Mann die 4000 Garibaldianer erwar­teten, trefflich ausgewählt und zugerichtet: demun- geachtet sahen die Königlichen sich mit anbrechender Dämmerung in die Stadt zurückgetrieben; nach einstündigem Straßenkampfe, in den sich nunmehr die Kanonen des Forts von Milazzo mischten, muß­ten sie auch diese räumen und sich auf die Be­hauptung der Citadelle beschränken. Der Sieg hatte dem Dictator 750 Todte und Verwundete gekostet, unter welch' letzteren sich Cosenz befand. Am 21. kapitulirte Bosco: Garibaldi gestattete seinen Leu­ten den freien Abzug mit Waffen und Gepäck; ihre Geschütze, ihre Proviant- und Munitionsvor- räthe aber mußten sie in der Citadelle zurücklassen, so wie auch die Hälfte ihrer Pferde und Maulesel. Den Insurgenten fielen auf diese Weise 50 Kano­nen, 140 Pferde und 100,000 Stück Patronen zu: die weitaus wichtigste Folge der Schlacht über war die, daß die Stadt Messina in ihre Hände gerieth und sie weiter keinen Blutstropfen zu ver­gießen brauchten, um die ungemein starken H a- f e n w e r k e zum Schweigen zu bringen, während sie hart am Fuße derselben sich zur Ueberscheitung des Faro rüsteten. General Clary nämlich hatte, seit dem Tage von Milazzo inmitten der steigenden Aufregung und seiner durch die Niederlage ent- muthigten Truppen, kein anderes Mittel mehr, die Bevölkerung im Zaume zu halten, als ein Bom­bardement, wogegen die westmächtlichen Consuln indeß auf's Heftigste protestirten. Somit dünkte es ihm das Gescheuteste, eine Waffenstillstands-Capitu- lation einzugehen, die er am 26. mit Medici Un­terzeichnete. Diesem Vertrage zufolge wurde Ga­ribaldi die Stadt, in der er am 28. seinen Einzug hielt, und ein Theil der Forts überliefert: den Königlichen blieb die Citadelle; doch verpflichteten sie sich, auf keinen Fall, was auch rund um sie

Next

/
Thumbnails
Contents