Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

76 Geschichte des Jahres. und unter ihren Augen geschehen möge, angriffs­weise von dort vorzugehen, so lange sie nicht sel­ber aitakirt würden. Die Schifffahrt durch die Meerenge wurde für frei erklärt: bei einer Er­neuerung der Capitulation jedoch, die am 1. August erfolgte, machten die Neapolitaner sich noch anhei­schig, auch die Castelle von Syracus und Agosta zu räumen, so daß ihnen von der ganzen Insel nichts mehr gehörte, als die Citadelle Messina's. Wieder war ein Akt der neapolitanischen Frage abgespielt; und abermals ward der Diplomatie Ge­legenheit zum Eingreifen geboten, da Garibaldi notgedrungen eine Pause in seinen Operationen -lassen mußte, um sich der Mittel zur Beherrschung des Faro und zur Hinüberschaffung seiner Armee nach Kalabrien zu versichern. So machten denn Manna und Winspeare einen neuen verzweifelten Versuch in Turin, und wirklich erlangten sie am 25. Juli die erste Audienz bei dem Könige selber. Allein das einzige Resultat dieser Staatsvisite be­stand in einem Briefe Victor Emmanuels an den Dictator, worin er diesen ermahnte, die Feindselig­keiten einzustellen und den Krieg nicht auf das Festland hinüberzuspielen. Wie vorauszufthen war, erwiderte Garibaldi, bei dem am 29. bereits eine Deputation der wichtigsten kalabrischen Städte mit der Aufforderung, bald auf der Terrafirma zu lan­den, gewesen war: „er könne dem königlichen Schreiben nicht Folge leisten, ohne seiner Pflicht gegen die Bevölkerungen Italiens untreu zu wer­den ; Se. Majestät möge ihm nur dies Eine Mal erlauben, ungehorsam zu sein — nach Lösung sei­ner Aufgabe werde er seinen Degen zu Ihren Fü­ßen legen und den ganzen Rest seines Lebens Ihren Befehlen gehorchen." Damit hatten die Verhand­lungen nach dieser Seite hin ein Ende: und nicht glücklicher war La Greca mit seinen erneuten Vor­stellungen bei den Kabinetten von St. James und den Tuilerien, wo ihm überdies jetzt der sicilia- nische Fürst San Cataldo, der Abgeordnete Gari­baldid, entgegenwirkte, der in London eine sehr gute Aufnahme fand und in Paris zwar nicht vom Kaiser und von Thonvenel, wohl aber vom Prinzen Napoleon und von dem Kabinctschef des Ministers, Benedetti, empfangen wurde. La Greca stellte das Ansuchen, die Westmächte sollten eine Flotte in dem Faro kreuzen lassen, um Garibaldi von der Terra­firma abzuhalken. Napoleon meinte, er habe nichts gegen den Vorschlag, wenn England denselben an­nehme : Lord Russell und Palmerston aber schlugen die Bitte rundweg ab, weil durch deren Erfüllung das Princip der Nichteinmischung verletzt werde. Natürlich zögerte der Kaiser jetzt nicht, der Ansicht seines Verbündeten beizutreten: ohne ein Wort zu verlieren, ließ er Franz' II. Sacke fallen, und be­nutzte die Verhandlungen, eine jener chronischen Ver- söhnungsscenen mit Großbritannien in Scene zu setzen, an die er die Welt seit Jahren gewöhnt. Lord Palmerfton hatte nämlich eben erst im Unterhause, um ihm die 9 Mill. L St„ welche die Regierung für die Landesvertheidigung begehrte, zu entreißen, er­klärt: „die Zukunft sei geeignet, die ernsthaftesten Besorgnisse einzuflößen, und England insbesondere drohe Gefahr von seinem nächsten Nachbarn jenseits deS Kanales, der sein Heer und seine Flotte in über­mäßiger Weise und daher augenscheinlich zu Angriffs­zwecken vermehre und gegen dessen aggressive Absich­ten der Handelsvertrag bis jetzt nur noch eine gebrech­liche Schutzwehr sei." Am 25. Juli beantwortete der Kaiser diese Declaration gewissermaßen durch einen Brief an den Grafen Persigny, seinen Gesandten in London. Das, sofort auch der Oeffentlichkeit überge­bene Schreiben befürwortete den Grundsatz, daß die Beherrschrr der beiden großen Reiche dazu geschaffen wären,.„n i ch t einander wie Spitzbuben zu betrügen, sondern wie ehrliche Männer Hand in Hand zu gehen; und daß nichts leichter sei als das, wenn sie die Nicht­intervention in Italien, so wie die Aufrechterhaltung der Integrität der Türkei als die Basis ihres gemein­samen Handelns anerkennten." Damit war für Nea­pel die letzte Chance auswärtiger Hilft zerronnen: auch ließ Garibaldi diesmal der Diplomatie lange nicht so viel Zeit zur Ueberlegung, wie nach der Er­stürmung von Palermo. Er konnte den Angriff auf die Terrafirma schneller beginnen, als seiner Zeit den auf Messina, da er jetzt schon auf die in riesen­haften Progressionen um sich greifende Zersetzung al­ler alten Zustände als auf seinen besten Bundesgenossen rechnen durfte. Nur wenige Tage brauchte er, um am Tőrre die Faro starke Batterien anzulegen, so daß er die Meerenge beherrschte, und um 300 Barken zur Ueber- schiffung seiner Truppen an der äußersten Spitze Si- ciliens in Buchten zusammenzuziehen, die er selber zu diesem Behnfe erst durch seine Ingenieure in Stand setzen lassen mußte. . Seit dem 9. August begannen seine Leute, in Haufen von 200 bis 300 Mann an der Küste der Terrafirma zu landen, von wo ans sie sich dann schnell mit den zahlreichen Jnsurgentenbanden in dem gebirgigen Inneren Calabriens vereinten. An der Spitze dieser Guerilla's stand der Major Missori: Garibaldi hatte, ehe er ihnen folgen konnte, noch eine andere Aufgabe zu lösen. Die Mazzinisten hatten, nachdem sie in Sicilien nicht festen Fuß zu fassen ver­mocht, ihr Auge auf den Kirchenstaat geworfen. Meh­rere Versuche ihrerseits, die Fackel des Aufstandes auf dem Landwege in den Ziest der päpstlichen Besitzungen zu tragen, waren im Lauft des Sommers theils von Lamoriciere zurückgeschlagen, theils von den piemon- tesischen Truppen verhindert worden, ehe es noch zu einer lleberschreitung der Grenze gekommen war. Nun endlich war es ihnen gelungen, Nicotera und Piancini, die Führer einer neuen Garibaldiexpedition, zu gewinnen: die 3000, von diesen beiden Anhängern Mazzini's befehligten Blousenmänner waren ent­

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