Pester Lloyd-Kalender 1861 (Pest, 1861)

Pester Lloyd-Kalender für das Jahr 1861. - Geschichte des Jahres

74 Geschichte des Jahres. gut wie ohne Waffen ließ; während die, nach Gaeta theils geflüchtete, theils ausgewiesene Camarilla allen Ernstes auf die Rückkehr zur guten alten Zeit los­steuerte : achteten die Liberalen kaum noch die könig­lichen Versprechungen und erblickten in jeder Conces- sion des Monarchen nur ein Mittel, Garibaldi in die Hände zu arbeiten und die Dynastie der Bourbonen zu beseitigen. Das „Revolutionskomite" forderte die Bevölkerung auf, ruhig zu bleiben, bis der Befreier nahe: denn Franz II. habe durch die Beschießung Palermo's mit seinen Unterthanen für alle Zeiten ge­brochen. Ueberdies griff der Verrath von Stunde zu Stunde weiter um sich und drang bis in die höchsten, dem Throne nächststehenden Kreise: denn bei dem Hereinbrechen des allgemeinen Chaos fing alle Welt an, der eigenen Zukunft zu gedenken. Die Marine hatte von der Unzuverläßigkeit, die sie bei Marsala bewiesen, nur noch Einen Schritt bis zum offenen Abfalle zu thun: die Corvette „Veloce" eröffnete den Reigen, indem sie am 6. Juli mit ihrer ganzen Equi­page zu den Insurgenten in Palermo überging; bald nachher ahmten zwei andere Schiffe der neapolitani­schen Flotte das verhängnißvolle Beispiel nach. Aer- ger noch war es, daß unter den Blutsverwandten des jungen Fürsten mehrere die herrschende Verwirrung für ihre Privatzwecke ausbeuten wollten: es war schon nicht mehr die Revolution allein, die nach Fran­zens Krone griff. Seine beiden Oheime, die Grafen von Aquila und Syracus, intriguirten, der Eine in reactionärem, der Andere in liberalem Sinne: Jener speculirte dabei auf eine Regentschaft, mit der er sel­ber betraut zu werden hoffte, wenn er sich zum Haupte der contrerevolutionären Partei aufwarf, bei welcher der konstitutionelle König in argen Mißkredit gerathen war; Dieser liebäugelte mit Victor Emmanuel, von welchem der Prinz nach dem Sturze seines Neffen zum Reichsverweser ernannt zu werden wünschte. Ja, als am 10. Juli eine von Gaeta aus angezettelte Mili- täremeute ausbrach, mischte sich in den Ruf „nieder mit der Verfassungmit dem die Gardisten auf den Straßen die Spaziergänger anfielen, unter der Gar­nison das Geschrei: „es lebe Ludwig I.!" — womit der junge Stiefbruder des Königs, der Graf von Trani, gemeint war. Der unglückliche Fürst that das Seine, die Truppen zu beschwichtigen und die Auf­wiegler den Gerichten zu überliefern; zu der Radi­kalkur aber, welche die Stimme des Volkes mit jedem Tag lauter begehrte, zur Entfernung der Garde, aus der Hauptstadt und zur Auflösung der Fremdenrcgi- menter konnte er sich, trotz alles Andringens seiner Minister, aus leichtbegreiflichen Gründen nicht ent­schließen. Die Verlegung der Truppen war das Ein­zige, was seine Räthe von ihm erlangten: und nun klagten die Bewohner Avellino's, das wenige Meilen südwärts von Neapel liegt, daß sie von den „Barba­ren", die bei ihnen eingerückt wären, gebrandschatzt würden — sie wehrten sich ihrer Haut, und nur zu schnell folgte eine Reihe von anderen Aufständen in den übrigen Provinzen. Was Wunder, wenn es un­ter solchen Verhältnissen dem Finanzminister Manna und dem ehemaligen Gesandten Neapels in Constan- tinopel, Winspeare, unmöglich war, die Negociationen über eine Allianz mit Piemont, zu deren Abschluß sie nach Turin geschickt waren, in wirksamer Weise zu führen? wenn die diplomatische Situation sich dort eben so kläglich gestaltete, wie die politisch-militärische daheim es war? wenn die Abgesandten selber schließ­lich in den, schwerlich ganz unbegründeten Verdacht geriethen, mehr an der Sicherung ihres eigenen Ge­schickes, als an der Rettung der Dynastie Bourbon zu arbeiten? Während die Sammlungen und Werbun­gen von Seiten der verschiedenen patriotischen Vereine, namentlich der Nazione Armata, ihren ungestörten Fortgang nahmen und so ziemlich jede Woche unter den Augen. Manna's und Winspeare's eine neue Ex­pedition aus dem Hafen von Genua auslief, oft nach­dem sie aus den Staatsarsenalen mit Waffen und Geschützen ausgestattet worden war: verhandelten diese Herren über ein Bündniß zwischen Neapel und Pie­mont, und ließen sich in ihrem unerschütterlichen Aplomb selbst durch die sogenannten „Bedingungen" Cavour's nicht stören, die denn dock, bei Lichte be­trachtet, nicht blos eine abschlägige Antwort, sondern eine Verhöhnung waren. Der Graf verlangte nämlich nicht weniger als: vollständige Verzichtleistung auf Sicilien und Eingehung eines Traktates zur Ver­treibung der Fremden ans Italien, so wie zur Er­zwingung von Reformen im Kirchenstaate; überhaupt aber könne sich Piemont auf nichts Definitives einlas- sen, bis es nicht wisse, ob das neapolitanische Parla­ment mit den Concessionen Franz' II. zufrieden sei, und bis nicht das Turiner Parlament in den Abschluß der Allianz gewilligt habe! Solchergestalt die Situa­tion in der Schwebe haltend, erreichte man endlich glücklich den Zeitpunkt, wo Garibaldi zur Fortsetzung seiner Operationen hinlänglich gerüstet dastand. Dieser war gleich nach der Eroberung Palermo's zum Dictator Sicilien's ausgerufen worden: und bald genug zeigte er allen Parteien, daß er es mit seiner Dictatur Ernst nehme und sich das Heft von N t e- mandem entwinden lassen wolle — weder von den Annexionisten Cavour's, denen es vor allen Dingen um die Vergrößerung Piemont's zu thun war und die er überdies um ihrer Liebäugeleien mit Napoleon, so wie ganz speciell um der Abtretung seiner Geburts­stadt Nizza willen, haßte; noch von den Republika­nern Mazzini's, deren socialistische Theorien ihm, dem Manne der That, ein Gräuel waren. Sein Ziel war und blieb, wie er jeder Zeit verkündete, die Herstel­lung des einigen Königreiches Italien inclusive Rom's, inclusive Veneticn's, inclusive des rückznerobernden Rizza's und Savoyen's: in der beharrlichen Verfol­gung desselben ließ er sich durch keine diplomatischen Bedenklichkeiten, durch keine Rücksichten auf Frankreich

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