Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres» US Pofesiungen des Kirchen^aates und in Piacenza Re» gociationen anbahnen körnen. Heute ist kein Zweifel mehr, daß Lord Cowle.y von Napoleon mit Vorbedacht in den Avril geschickt wer, und daß Rußland von vorne herein die Rolle übernommen hatte, die Ergeb- niste seines Wiener Aufenchaltes durch einen ganz an­deren Vermittlungsvorsällrg zu durchkreuzen, ehe die­selben noch die erwarteten Früchte trugen. Erleich­tert wurde dies Jntrigumspiel durch die Ereignisse in England selber, welche die dortige Regierung so tief erschütterten, daß ihr baldiger Sturz vorherzu­sehen war und sie alle ikre Aufmerksamkeit darauf verwenden mußte, sich nur im Sattel zu erhalten. Am 28. Feber hatten die Toris ihre Reformbill ein­gebracht, die schon einige Mitglieder des Kabinetes zur Niederlegung ihrer Portefeuilles bewogen, weil sie die Gleichheit des Stimmrechtes für die städtischen und ländlichen Bezirke nickt zugeben wollten; die überdies von der freisinnigen und radikalen Presse als leere Spiegelfechterei denuncirt und von allen nicht direkt gouvernementalen Blättern sehr kühl be­grüßt ward. Am 31. März verwarf dir Coalition Palmerston-Ruffell unter dem Beistände der unab­hängigen Liberalen den Gesetzentwurf mit 330 gegen 291 Stimmen : und nur mit großer Mühe, nur weil sie durch einen Kabinetswechsel den Fortgang des Vermittlungswerkes zu gefährden fürchtete, erhielt Lord Derby von der Königin die Erlaubniß zur Aus­lösung des Unterhauses, die am 21. April, acht Tage vor dem Ausbruche des italienischen Krieges, erfolgte. Es war zu spat: denn mittlerweile hatte Rußland schon Großbritannien bei Seite geschoben, indem es, mit Jgnorirung alles dessen was durch die englische Vermittlung bereits erreicht war, die Regelung der Frage durch einen Kongreß in Anregung brachte. Am 21. März übermittelte Herr von Balabine dem Grasen Buol eine telegraphische Aufforderung des Fürsten Gortschakoff, in die Beschickung eines solchen Kongresses zu willigen. Frankreich aus selbstverständ­lichen Gründen, Preußen in seinem unbedachten Haschen nach jedem feindlichen Expediens, England in der ersten Hast der Ueberrumpelung und inmitten seiner eigenen parlamentarischen Kämpfe hatten ihre Zustimmung sofort gegeben: Oesterreich blieb somit nichts mehr übrig, als am 23. gleichfalls die Propo­sition anzunehmen, wenn es nicht den Schein des muthwilligen Friedensbruches auf sich laden wollte — doch versäumte Graf Buol nicht, an sein Jawort so­fort die Bedingung zu knüpfen, daß vor jeder Kon- * ferenz Sardinien entwaffnen müsse. Noch einmal versuchte die britische Regierung das Steuer der Mediation wieder in die Hand zu bekonrmen. Unter dem 28. März theilte Lord Loftus in Wien dem Grafen Buol ein, von den drei anderen Groß­mächten bereits acceptirtes Programm für die Kongreßberathungen mit, dessen vier Punk­ten — Mittel zur Lösung des Friedens zwischen Oesterreich und Piemont; Räumung des Kirchen­staates und Reformen in Italien; eine neue Kombi­nation , welche den österreichischen Spezialtraktaten mit den Herzogthümern substituirt werden soll; Auf- rechthaltung des Besitzstandes und der Verträge von 1815 — der kaiserliche Minister am 31. ebenfalls Leitrat. Freilich modisszirte er die Stipulationen eini­germaßen , um die SouverainetätSrechte Oesterreichs in Italien und die der Herzoge so wie des Papstes, ingleichen die Ergänzungsverträge zur Wiener Kon­greßakte im ausgedehntesten Sinne des Wortes zu wahren; um dem Kongresse von vorne herein eine, gegen die Uebergriffe des Turiner Hofes gerichtete Tendenz zu geben; um endlich Frankreich zur Vor­legung seines Bündnisses mit Sardinien zu zwingen. Die Schwierigkeit lag indeß nicht hierin, sondern in der fünften Bedingung, welche GrasBuol hinzufügte: ,,Einverständniß über vorhergehende ge m ein­sam e E n t w a s f n u n g der Großmächte" — und noch mehr in den Schlußworten der betreffenden Note: „Nach dieser Annahme der englischen Propo­sitionen erwartet Oesterreich, daß Großbritan­nien, dem von Lord Loftus ertheilten Versprechen gemäß, Frankreich dringend etnlaten werde, mit ihm auf ber schleunigen Entwaffnung Sardinien' s kategorisch zu bestehen, wobei Letzteres sich mit der Bürg­schaft der Westmachte dafür bezeugen muß, daß Oesterreich während des Kongresses dasselbe nicht angreiftn werde, so lange es seinerseits das Gebiet von Oesterreich und dessen Verbündeten achtet" ... vor Vollendung der Entwaffnung und der Auflösung des Freikorps, hieß es auf's neue, beschicke Oesterreich keinen Kongreß. Frankreich hatte nun die Unver­schämtheit, in demselben Augenblicke wo es die Lyoner Armee nach der savoyrschen Grenze vorschob und durch Zusammenziehung eines anderen Heeres in Frankreich ersetzte, zu erklären, eö könne nicht entwaffnen, weil es gar nicht gerüstet habe. Sardinien folgte bald diesem ruhmwürdigen Beispiele; bald fand es die Forderung unbillig, daß es gleich den Großmächten entwaffnen solle, ohne gleich ihnen zu den a l l g e- nt e inen Kongreßverhandlungen zugezogen zu wer­den — denn Oesterreich hatte schon in der Note vom 23. März das Protokoll des Aachner Kongresses vom 15. November 1818, demgemäß kleine Staaten nur insoweit sie direkt betheiligt sind, aus Kon­gressen der Großmächte gehört werden müssen — bald machte es unannehmbare Gegenvorschläge, wie daß Oesterreich und Piemont ihre Truppen je zehn Mei­len von dem Ticino zurückziehen möchten. Eine noch­malige englische Vermittlungsproposition: die Mächte nehmen die Entwaffnung im Prinzips an; zur Regelung der Ausführung treten sechs Kommissarien der fünf Mächte und PiemonUs zusammen; gleich­zeitig mit ihnen vereint sich der Kongreß, auf dem alle italienischen Staaten nach denselben Grundsätzen wie

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