Pester Lloyd-Kalender 1860 (Pest, 1860)

Pester Lloyd-Kalender für das Schalt-Jahr 1860 - Geschichte des Jahres

Geschichte des Jahres 117 1821 in Laibach repräsentier sind. Auch dieser An­trag war von allen andern Betheiligten aeceptirt, ehe er nach Wien gelangte und dort verworfen ward: und gleich daraus erfolgte hier am 19. April die Unterzeichnung eines an Piemont gerichteten U l ti- matum'ö, das am 23. um 5% Uhr Nachmittags dem Grafen Cavour übergeben ward. Dasselbe ging davon aus, daß „das Turiner Kabinet auf die Ein­ladung, seine Armee auf Friedensfuß zu setzen und sich mit der dargebotenen Collektivgarantie der West­mächte zu begnügen, nur mit einer kategorischen Wei­gerung geantwortet zu haben scheine." Daher trenne Oesterreich die Entwaffnungsfrage, in so ferne Sar- 5;inten dabei in's Spiel käme, von den sonstigen ob­schwebenden Verhandlungen und sei entschlossen, ohne im übrigen der Einberufung des Kongresses in den Weg treten zu wollen, die Austösung der italie­nischen Legion und die Versetzung des piemontesischen Heeres auf Friedensfuß zu erzwingen, falls Graf Cavour nicht binnen drei Tagen einfach anzeige, daß er dem an ihn gerichteten Verlangen in friedlicher Weise nachgeben wolle. Am 26. Nachmittags 5y2 Uhr empfing der kaiserliche Sendbote die Antwort Piemont's, worin sich dasselbe entschieden weigerte, die Entwaffnungsstage anders als in Gemeinschaft mit den Mächten und ver ganzen italienischen Ange­legenheit zu diskutiren. Die Haltung der Petersburger, sowie selbst jene der britischen Regierung, die ja ebenfalls jedes ihrer Mediationsprojekte früher nach Paris als nach Wien schickte, mußte Oesterreich längst überzeugt haben, daß es nachhaltige Unterstützung höchstens von Preußen und dem deutschen Bunde zu erwarten habe. So hatte denn Graf Buvl schon am 5. Feber in einem Zirkular den Wunsch ausgesprochen „in Euro­pa die Ueberzeuaung zweifellos begründet zu sehen, daß das engverbündete Deutschland einen Angriff auf Oesterreich's Rechte in Italien nicht dulden werde" und zu diesem Behufe bereits jetzt eine Verständigung zwischen den deutschen Regierungen darüber zu erzie­len „wie eintretenden Falles Frankreich und Sardi­nien gegenüber eine angemessene wirksame Sprache zu führen sei." Preußen erwiderte jedoch aus dieses Ansinnen am 22. in einem Rundschreiben, welches lediglich die zwischen den Höfen von Wien und Paris herrschende Verstimmung, nicht aber eine bestimmte unlösbare Frage als Grund für die Gefährdung des Friedens bezeichnete: „es werde die ihm durch vie Bundesgrnndgesetze auferlegten Pflichten erfüllen, da­rüber aber um so weniger hinausgehen, als es in der Freiheit seiner Stellung das beste Mittel finde, seinen Rathschlägen Gehör zu verschaffen, besonders da es in seinen eifrigen Bemühungen zur Ausgleichung mit England zusammentrcffe und in seinem Streben nach einem gemeinsamen Wirken mit Rußland eine verstärkte Bürgschaft des Erfolges erblicke." Ganz im Sinne dieser Note sprach sich Herr v. Schleinitz am 9. März in der preußischen Kammer aus, als der Finanzminister zugleich den Erlrß eines Pferdeaus­fuhrverbotes für den Zollverein anmeldete. Da indeß seit Ende Februar in den deutschen Volksvertretungen der Mittelftaaten, zuerst in München und dann in Hannover, eine antiftanzosische Bewegung begonnen, welche diejenige des Berliner Landtages zu überflü­geln drohte und von dem „Constitrtionnet" sehr höf­lich mit dem „Gesumme der Schmeißfliegen" vergli­chen ward; da Oesterreich bereiis am 22. Feber Preußen andeutete, daß es sich vollkommen berechtigt glaube, in Frankfurt Anträge, die der Kriegsgefahr entsprachen, zu stellen und blos aus Rücksicht auf die norddeutsche Großmacht damit zögere; da eS gleich­zeitig den einzelnen deutschen Staaten anrieth, einst­weilen immerhin ihre Vorbereitungen zu treffen: verhehlte das Berliner Kabinet seine Mißstimmung nicht langer, sondern gab zu verstehm, daß solch ein einseitiges Vorgehen die Berathungm in -Frankfurt nur erschweren könne. Um die Mittt des März- sing das Gefühl einer herannahenden unvermeidlichen Katastrophe ganz Europa zu ergrei'en an. Groß­britannien befestigte seine Küsten und verstärkte seine Kanalflotte; mit dem Ausbruche des Krieges versandte es massenweise Munition, Geschütze und Truppen zur Kompleriruug der Garnisonen in seimn Mittelmeer­besitzungen ; Mitte Mai fing es an, überall im Jn- larrde freiwillige Schützenkorps zu organistren. Hol­land und Belgien schlossen ein Schutz-und Trutz- bündniß ab; Dänemark seinerseits scheint mindestens in eine Defensivallianz mit Frankreiä getreten zu sein. Die Schweiz bereitete sich daraus vor, ihre Neu­tralität eventuell mit bewaffneter Ha uv zu wahren. Es erschien das um so nothwendiger, aft der Bun- desrath auf seinen Protest gegen die Bmützung der Viktor-Emanuel-Bahn zur Beförderung französischer Truppen, da dieselbe längs des Bourgessee's einen Theil des, in die schweizerische Neutralität einbegriffe­nen savoyi'schen Gebietes durchzieht, von dem kaiser­lichen Gesandten Turgct die Antwort erhillt: „Thun Sie was Sie wollen, wir kehren uns nigt daran!" So wurde denn noch Ende April Obers Bontemö mit einer Division nach dem Kanton Tessin, und Oberst Ziegler nach Genf geschickt; die Veltliner Alpenpäffe wurden befestigt und alle Maßngeln zur schleunigen Entwaffnung flüchtiger Truppencheile der streitenden Parteien getroffen; das Oberkommando des eidgenössischen Heeres fiel wieder dem General Dufour zu. Am meisten beunruhigte den Kmtinent die Haltung R u ß l a n d's, das zur Zeit wo sein Kongreßvorschlag in der Schwebe war, eine Anleihe kontrahirte und 60,000 Mann unter General Luders gegen die beffarabische Grenze dirigirte; ball auch nicht mehr in Abrede stellen konnte, daß es sich in der Einen oder anderen Form verpflichtet hatte, durch eine Diversion gegen die deutschen Mächte Napoleon der Besorgniß vor einer Bedrohung am Rhrüe zu

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