Evangélikus Élet, 2014. július-december (79. évfolyam, 27-52. szám)

2014-12-21 / 51-52. szám

NÉMET OLDAL Evangélikus Élet 18 -m 2014. december 21-28. D e u t s c h e A n l a g e Redakteurin: Pfarrerin Eszter Heinrichs Colinde, Colinde, Colinde... Die Wende in Rumänien - Weihnachten 1989 Weihnachten ist etwas Besonders, ge­rade für Kinder. Und noch mehr für solche Kinder, die Orangenduft nur zu Weihnachten kannten. Weihnach­ten 1989 war in Rumänien nicht nur wegen weihnachtlicher Stimmung und Orangenduft etwas Besonders, son­dern vor allem wegen der Revolution. Der Pfarrer Gerhard Servatius-Dep­­ner von der Sächsischen Evangelischen Kirche in Mediasch berichtet uns da­von, wie er diese Revolution vorfünf­undzwanzig Jahren als damals drei­zehnjähriges Kind erlebt hat. (E. H.) * # # Dezember 1989 war ich fast 13 Jahre alt. Noch ein Kind... einerseits! Heu­te, mit 37 Jahren, sagen mir viele Menschen, die ich besuche: „Sie sind ja noch soo jung!“... Aber ich kann mich sehr gut an viele Dinge vor 1989 erinnern. Die alltägliche Not, mit der wir alle zu kämpfen hatten, ist heute für alle (!) Kinder, mit de­nen ich das Leben teile, einfach un­vorstellbar. Unbeschreiblich groß muss unsere Wertschätzung gegen­über unseren Eltern sein, die uns da­mals auf unerklärlicher Weise das tägliche Brot auch ohne Supermärk­te um die Ecke besorgten. Nein, es gab keine Vielfalt, wie es sie heute auch in unserem Land gibt. Wer auf dem Land lebte, der hatte es an­scheinend viel leichter: Fleisch, Kä­se, Eier, Milch, Gemüse, Früchte wa­ren leichter zu bekommen, als ein ’ Städter es konnte. Und ich bin ein Städter, der als Kind einfach alles be­zahlen musste - sei es ein Bleistift, sei es ein Brot oder ein Ei... Ich bin in einer kleinen Stadt in Siebenbürgen aufgewachsen, unweit von dem berühmten Kronstadt, wo ich dann zwischen 1991-1995 das deutsche Gymnasium „Honterus“, benannt nach dem Siebenbürgischen Reformator, besucht habe. In der Kleinstadt ging ich in den deutschen Kindergarten, danach in die deutsche Schule. Ich erinnere mich sehr gut an die tägliche Schuluniform, ja sogar Deutschsprachige und zweisprachige Gottesdienste zu Weihnachten 24. Dezember Ágfalva.....................................18 Uhr (zweisprachig) Budavár...................................18 Uhr Sopron.......................................17 Uhr Sopronbänfalva..............16 Uhr (zweisprachig) 25. Dezember Sopron........................................9 Uhr Budavár...................................10 Uhr 26. Dezember Ágfalva........................................9 Uhr Bonyhád...................................10 Uhr Budvár.....................................10 Uhr Egyházaskozár........................14 Uhr Sopron........................................9 Uhr Sopronbánfalva.........10.30 Uhr an meinen 1. Schultag... Mein Vater, selbst Lehrer, kam unerwartet wäh­rend einer Pause vorbei, ich sah ihn und lief ihm dann den langen Schul­korridor entgegen - voller Aufre­gung, dass ich schon ein Schulkind bin... Ich erinnere mich gut an meine Lehrerinnen in der Grundschule. Ja, ich erinnere mich an viele Einzelhei­ten aus der Zeit vor 1989, wie z.B. die selbstverständlichen Warteschlangen vor den Läden, wenn es endlich ein­mal Ware gab. Auch erinnere ich mich, dass die Menschen schon um 4 Uhr oder gar 2 Uhr in der Nacht mit Milchpfandflaschen vor den Laden gingen, um nicht zu lange in der Schlange zu stehen, wenn der Laden endlich aufmacht oder eben, um noch Ware zu finden. Nicht selten reichte es nicht für alle, die da warte­ten... Dann wurden die Menschen ungehalten und stießen sich wie eine wilde Herde... Für uns Kinder wurde es manchmal sogar gefährlich... Gut erinnere ich mich auch an die Tatsa­che, die wir als Kinder als „normal“ annahmen, dass man Brot nur porti­onsweise erhielt, und zwar täglich ein viertel Brot pro Person! Mehr Brot durfte man nicht kaufen und die Qualität war manchmal furchtbar. Auf dem Dorf konnte man hin und wieder zusätzlich Hausbrot backen. Dann gab es ca. zweimal im Jahr Fleisch zu kaufen! Auch Öl, Zucker, Mehl und andere Hauptnahrungs­mittel gab es nur einmal im Monat! Wurde die „Ration“ gekauft, musste man damit 30 Tage auskommen. Man stelle sich das heute vor... Orangen und Bananen gab es nur vor Weihnachten... Immer werde ich den Geruch der Orangen, auch wenn schon 25 Jahre seit der Wende ver­gangen sind, mit dem Weihnachtsfest verbinden! Es duftete nämlich in un­serem Haus nur einmal im Jahr nach Orangen - eben zu Weihnachten... Unsere Eltern bemühten sich sehr, meiner älteren Schwester und mir - eigentlich uns, als Familie - das Weih­nachtsfest schön zu gestalten. Jedes Jahr wurde eine Tanne geschmückt, das war die Aufgabe meines Vaters, wobei wir Kinder ihm zur Hand gin­gen. Ich erinnere mich deutlich an un­seren Lieblingsschmuck, unter dem auch zwei kleine Weihnachtsmänner waren, die ich sonst in keinem ande­ren Haus gesehen hatte... Im Fernsehen, welches nur zwei Stunden täglich sendete, von denen mindestens 75% aus Sendungen mit dem „geliebten Führer“ Nicolae Ceau^escu oder aus Politik und Pro­pagandafilmen und dergleichen be­stand, hieß der Weihnachtsmann so ähnlich wie „Väterchen Frost". Zu dem Weihnachtsfest gehörte obliga­torisch der Besuch des Gottesdiens­tes in der alten evangelischen Kirche. Ich erinnere mich deutlich an die Vorbereitungen darauf und den gro­ßen Andrang unter dem Tor vor der Kirchenburg - für uns Kleinen ein nicht sehr schöner Auftakt des Fes­tes... Die Aufregung war groß! Dann saßen wir endlich in der hell be­leuchteten Kirche, froren, waren dann auch wegen unseres Auftrittes etwas aufgeregt. Es war nämlich der Brauch, dass Kinder bis zur Konfir­mation Weihnachtgedichte oder - lieder am Mikrophon aufsagten. „Stille Nacht“ in der fast dunklen Kir­che zu singen war jedes Mal beein­druckend... Zum Schluss kam die Christbescherung, und wir Kinder gingen am riesigen Christbaum vor­bei, bewunderten die aufgestellte Krippe darunter und nahmen das Päckchen bzw. die Tüte in Empfang. Zu Hause staunten wir über die Ga­ben darin, worüber heute unsere Kinder wahrscheinlich weniger stau­nen würden... Dezember 1989 hieß es, wir ma­chen einen Tagesausflug nach Kron­stadt. Noch war ich Schüler der All­gemeinschule in der Kleinstadt, wo ich wohnte und Kronstadt wurde ger­ne besucht. Mitte Dezember erreich­ten die Erwachsenen in unserem Land nicht nur über den Radiosender „Freies Europa“ die Nachricht über Unruhen in Temeschburg. Auch hör­ten wir sogar über Tote dort... Es hieß auch, ein ungarischer Pfarrer wurde verhaftet und Menschen haben da­gegen protestiert... Meine Schulklas­se besuchte am 21. Dezember 1989 Kronstadt und ich kann mich noch erinnern, dass unsere Klassenlehre­rin den Ausflug etwas früher abbrach - auf dem Heimweg sahen wir vor­beifahrende Panzer und Militärwa­gen... Ein ungewohnter Anblick! Am 22. Dezember waren meine Schwester und ich alleine zu Hause. Plötzlich geht die Türe auf und un­sere Nachbarin kam ganz aufgeregt herein und schrie: „Schaltet den Fernseher ein!! Der Diktator ist ge­flüchtet!!! Der Diktator ist geflüch­tet!!!“ Wir verstanden rein gar nichts, außer dass etwas ganz Außerge­wöhnliches passiert sein musste. Auch konnten wir das mit dem Fern­seher mitten am Tag, wo ja doch je­der in Rumänien wissen müsste, dass ausschließlich am Abend gesendet wurde, gar nicht begreifen. Aber die Versuchung - und auch Vorfreude auf Abwechslung? - war groß, so schalteten wir unseren alten Lam­penfernseher ein und langsam ka­men Bilder zum Vorschein. Aufge­regte Menschen im Gebäude des Fernsehens in Bukarest, die „Frei­heit!“ und „Der Diktator ist geflüch­tet!“ und viel anderes, auch Organi­satorisches über die Gestaltung der Regierung, der Zukunft u.a. riefen und besprachen untereinander. Es sah alles chaotisch aus und doch - oder gerade deswegen! - war es auch für uns hochinteressant, meine Schwester fast 15-jährig, ich fast 13- jährig. Wir sahen die rumänische Flagge mit einem Loch darin- das ausgerissene Wappen. Symbol der Freiheit und des Ende der kommu­nistischen Herrschaft. Dann gingen wir auch hinaus vors Tor und staun­ten nicht schlecht, wie rasch und wie viele Menschen sich inzwischen auf der Straße gesammelt hatten. Sie san­gen: „Olé, ole, ole, ole! Ceau^escu nu mai e!" („Ole, ole, ole, ole! Ceau^escu ist nicht mehr!“), warfen Bücher aus der Buchhandlung heraus, zerrissen Bilder von Ceau?escu und zertraten sie... Eine Sache, die mir auch ganz klar in Erinnerung bleibt, ist der damali­ge religiöse Boom! Die rumänische Bevölkerung nannte sich auch vor 1989 doch im Geheimen tief religiös. Unvergleichlich erfolgreicher war der Atheismus in der DDR. Aber in Ru­mänien nicht! Heute gibt es in Ru­mänien kaum Atheisten, dafür aber sehr viele unterschiedliche christli­che Konfessionen, neben den soge­nannten historischen Kirchen (Or­thodox, Römisch-Katholisch, Grie­chisch-Katholisch, Evangelisch-Re­­formiert, Evangelisch-Lutherisch, Evangelisch-Unitarisch u.v.a.). Ande­rerseits bleibt es meines Erachtens ein Schandfleck für unser so christli­ches Land, dass der gehasste Präsi­dent gerade zu Weihnachten - am 1. Christtag! - nach einem kurzem Pro­zess hingerichtet wurde... Ja, das Fest der Geburt des Heilandes im Jahre 1989 bleibt für mich trotz Freude über die erreichte Freiheit doch auch mit dieser Schattenseite beladen... Aber in bleibender Erinnerung sind auch die sehr vielen Stunden, in denen man im Fernsehen bis in die Nacht hinein die rumänischen Weihnachtslieder - „Colinde“ ge­nannt - hörte. Irgendwann hatte ich selber genug davon, aber es ging wo­chenlang weiter: Colinde, Colinde, Colinde... Die Menschen brauchten das - man hatte so viele Jahre den Glauben doch nicht öffentlich aus­gelebt... Als wir später in die Schule gingen, verschwand allmählich vie­les, wenn nicht sogar alles, was vor­her noch ganz selbstverständlich war: die Bilder von Ceau$escu aus den Klassenräumen, später auch die Schuluniform, auch die „Falken“ (Kindergartenkinder) und die „Pio­niere“ waren nicht mehr und ir­gendwann auch viele Kollegen nicht... Von ca. 40 Schülern in 2 Pa­rallelklassen im Jahr 1989 blieben zu­nächst 20 in einer vereinigten Klas­se, später kamen deutsche Kinder aus den benachbarten Gemeinden dazu, in denen noch weniger geblie­ben waren. Heute leben noch drei aus dieser Generation in Rumänien, die meisten sind bald nach der Wen­de nach Deutschland ausgewandert. Die Schleusen waren doch endlich offen und der Druck sehr hoch. Auch solche, die nicht unbedingt weg wollten, gingen weg... Die Evan­gelische Kirche deutscher Sprache schrumpfte auf bis zu 8% ihrer ehe­maligen Größe!... Vieles war von Freude geprägt, doch vieles war auch besorgniserregend... Schlussgedanke. Nicht nur ich meine, dass das Leben vor 1989 einfach unser „anderes Le­ben“ gewesen ist. Es war und ist für mich grau in Erinnerung geblieben, auch wenn ich als Kind auch Gutes erleben durfte, dank der Mühe mei­nen Eltern. Es ist vieles vergangen und kehrt nicht wieder. Das Leben nach 1989 ist jedoch für mich ganz bunt. Darum danke ich Gott für alle Wege, die er mich bis heute geführt hat. ■ Pfr. Gerhard Servatius-Depner, Mediasch

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