Andrea Sommer-Mathis: Ergänzungsband 11. Die Tänzer am Wiener Hofe im Spiegel der Obersthofmeisteramtsakten und Hofparteienprotokolle bis 1740 (1992)

Die Tänzer am Wiener Hofe Trotz dieses Hinweises auf die Möglichkeit, das Geld nicht offiziell aus dem Hofärar, sondern aus der Privatkasse des Kaisers aufzubringen, und auf das Risiko einer ab­schlägigen Antwort für ihre Schwangerschaft wird Johanna Scio mit dem Gesuch abge­wiesen; sie habe mit ihrem Mann gemeinsam ohnedies 760 Gulden jährliches Einkom­men, „da doch andere, weder ein solches beneficium in fixo, noch auch freye wohnung habende Stadt Tanzmeister sich nichts desto weniger Ehrlich durch zu Bringen suchen müsßen“. OMeA Prot. 15 fol. 81rv (1735 November 12, Intimat des Obersthofmei­steramtes an den Hofkontrollor): Mit 8. Oktober 1735 tritt Johanna Scio als Tänzerin von der Bühne ab; der Hofkontrollor wird beauftragt, die Abrechnung über ihre Hofbesoldung zu erstellen. Johanna Scio ist die erste Berufstänzerin, die in den Akten des Obersthofmeisteramtes aufscheint, und bleibt bis zum Tod Kaiser Karls VI. auch die einzige, von der wir Kenntnis haben84). Sie wird relativ schnell von der Hofscholarin zur wirklichen Hoftänzerin befördert, mit dem aufschlußreichen Hinweis, daß es nicht geziemend sei, als bloße Scholarin zu heiraten. An ihre Schwangerschaft knüpft der Hofmusikdirektor die Hoffnung auf tänzerisch begabte Nachkommenschaft, die dem Kaiser - wie die Eltern Johanna Scio und Carl Philebois - mit ihrer Kunst zu Diensten stehen würde. Nach dreizehnjähriger Tätigkeit bei Hof tritt Johanna Scio von der Büh­ne ab. Franz Tamm (Sohn des Malers Franz Werner Tamm), Hoftänzer (ab 1724) OMeA 19 unfol. und OMeA Prot. 10 fol. 227r-235v (1724 März 16, Referat mit Resolution, Nr. 4; Beilage: 1724 März 4, Gutachten des Hofmusik­direktors); OMeA Prot. 10 fol. 254v - 255r (1724 Mai 2, Bescheid)85): Bittgesuch um Aufnahme als unbesoldeter Hoftänzer, unter Verweis auf die Empfeh­lung des kaiserlichen Generalbaudirektors Graf Althann und auf seine vierjährige Tä­tigkeit als Tänzer am Hoftheater, unter anderem auch bei den Krönungsfestlichkeiten in Prag im Jahre 1723. Der Hofmusikdirektor empfiehlt, Franz Tamm zunächst nur als besoldeten Scholaren aufzunehmen, „weilen ... nach dero allergnädigstem Willen die promotiones gradatim zu gehen hätten, der Supplicant auch noch jung wäre“. Der Obersthofmeister gibt die prekäre finanzielle Situation des Hofärars zu bedenken und hält jegliche Neuaufnahmen für überflüssig. Franz Tamm diene bereits seit vier 84) Die Frau von Alexander Philebois d. Ä. tanzte zwar auch in Hofballetten mit, wird aber immer nur im Zusammenhang mit ihrem Mann erwähnt und bezog auch kein eigenes Gehalt. 85) Vgl. Walter P i 11 i c h Kunstregesten 474 (Nr. 320 und 322). 79

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