Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

66 heber des Attentats durch Hinweise auf die Freimaurer auszuweichen ver­sucht 24). Pharos unterließ in seinem Buch anzuzeigen, welchen Text er benützt hatte. Wir sind auf Vermutungen angewiesen. Pater Puntigam hatte die Möglich­keit, an die Pressestenogramme des Babilic heranzukommen; sicher hatte er als katholischer Priester Zutritt zur Redaktion des Hrvatski dnevnik. Aber auszuschließen ist es nicht, daß er den Urtext (die Blätter, die der Senatsprä­sident zu sich nahm) benützen konnte. Er stand mit dem Vorsitzenden Ober­landesgerichtsrat Curinaldi gut, der nach dem Attentatsprozeß Theologie studierte und schließlich Ordensbruder Pater Puntigams wurde. Die For­schergruppe bemühte sich sehr, hinter das , Geheimnis Pharos1 zu kommen. Dies gelang ihr zwar nicht, dafür glückte ihr der Nachweis, daß die Versio­nen des Pharos-Protokolls sich eigentlich nirgends im Widerspruch zu den diesbezüglichen Stellen des „Offiziellen Protokolls“ befänden; sachliche Un­terschiede seien nicht nachzuweisen. Man gelangte damals zu folgendem Ur­teil: „Wir finden grobe Fehler bei Pharos, die aus mangelnder Kenntnis des Prozeßmate­rials, seiner Nebenpersonen und Nebenorte hervorgehen ... wenn wir von einer be­stimmten Gesinnung des Pharos-Textes sprechen, so kann sich diese ebensogut bloß im erlaubten Bereich gesteigerter Aufmerksamkeit ausgewirkt haben, wie darüber hin­ausgreifend in den verbotenen Bezirken der Interpretation ... die Texte verraten ein bestimmtes, sehr lebhaftes Temperament, ... das Temperament eines Redakteurs25). ... Mousset [Paris 1933 — n. VI] tadelt Pharos, aber in seiner Edition wimmelt es von Pharosstellen ... die Freimaurer schmähen Pharos, aber sie preisen Mousset.“ Als weitere Groteske vermerkte das Gutachten der Forschergruppe: „Seton Watson26) äußert sich sehr ungünstig über Pharos, erblickt aber im gleichlau­tenden Slijepcevic-Text [Agram 1925 = n. V] die Hoffnung für die Kriegsschuldfor­schung“27). In der oben erwähnten Dissertation von P. Nicoll wird die Vermutung geäu­ßert, es lägen (wie der Autor zugibt: nur „schwache“) Indizien vor, daß Pha­ros gar nicht der Deckname für Puntigam gewesen sei. P. Nicoll forschte in den Jesuitenarchiven vergebens nach der Genehmigung, die Angehörige sei­nes Ordens bei Veröffentlichungen einzuholen pflegen. Bei dieser Suche stieß er im Provinzialarchiv Zagreb, und zwar in der Mappe Sarajevo, auf eine Notiz des Sarajevoer Superiors Horrmann vom 9. Jänner 1917, die in deut­scher Sprache lautete: ,Ich schicke Ihnen die Rezension des Werkes, das P. Hammerl28) veröffentlichen möch­te: Der Hochverratsprozeß1. 24) Berliner Monatshefte (1928) 330. “) Maschinschriftl. Gutachten der Forschergruppe S. 48 (Abschrift im SAA). 26) Seton Watson über Pharos: „Sehr unvollständig und oft ungenau, man sieht, daß der Autor dieser Protokolle nicht einmal die grundlegenden Elemente kennt, in­folge derer es zum Prozeß kam, und oft die südslawische Idee mit irgendeiner politi­schen Partei verwechselte“ (ebenda). 27) Ebenda. 25) P. Franz Xaver Hammerl SJ war Rektor des Jesuitenkollegs in Travnik und Verfasser einer Biographie des Erzbischofs Stadler.

Next

/
Thumbnails
Contents