Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

65 Das Pharos-Protokoll, die einzige Textveröffentlichung in deutscher Sprache, ist ein irreführend betiteltes, willkürlich gekürztes, aber durchwegs lesens­wertes Informationswerk. Die Hauptverhandlung dauerte, wie bereits er­wähnt, 14 Tage, angeklagt waren 25 Personen, nach grober Schätzung ergäbe das ein Manuskript von 600—700 Schreibmaschinenseiten. Die Pharosausgabe hat lediglich 165 Druckseiten, ein Fünftel des Gesamtumfanges, die Plä­doyers fehlen so gut wie ganz, das heißt: dem Ankläger sind acht Zeilen, den Verteidigern vier gewidmet. Was nun jene Dialogstelle betrifft, in denen die Freimaurer genannt werden, so muß man zugeben, daß sie deutlich überbe­tont, aber nicht gefälscht wurden. Puntigam sah in den .dunklen Mächten im Hintergrund“, auf die ihn der Untersuchungsrichter Pfeffer aufmerksam machte, das Freimaurertum. Er selbst schrieb in sein Tagebuch19), er habe der Verhandlung beigewohnt und er sei es gewesen, der Dr. Premuzic, dem Verteidiger des Cabrinovic, nahelegte, er möge seinen Klienten fragen, ob beim Attentat nicht die Freimaurer mitgewirkt hätten. Der Untersuchungs­richter Pfeffer vermerkt dazu: „Pater Puntigam versicherte mir im Gespräch während der Pause, daß beim Attentat auch die Freimaurer im Spiel seien .. ,“20). Dem Bericht des Senatschefs Chmielewski21) ist zu entnehmen, daß Pater Puntigams Intervention nicht ohne Wirkung blieb. Dort heißt es: „Während der Einvernahme versuchte der Verteidiger Dr. Premuzic aus dem Cabrino­vic einen Freimaurer zu machen, doch wollte ihm Cabrinovic auf seine Frage betreffs seines, des Cabrinovic, Freimaurertum keine Antwort geben ...“. Aus dem Wiener Ministerium kam prompt dazu eine Stellungnahme: „... Um jedoch das Material nicht übermäßig auszudehnen, wären Kürzungen na­mentlich dort vorzunehmen, wo Staatsanwälte, Richter und Verteidiger ex cathedra sprechen ... Überflüssiges, beispielsweise die Zitierung der Bemerkung des einen Ver­teidigers bezüglich des Freimaurertums des Cabrinovic sollen in Zukunft entfallen“22). Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Oder stand man im Gemeinsamen Finanzmi­nisterium auf einem ähnlichen Standpunkt wie der Chronist der ,Mlada Bos- na“, Oskar Tartaglia, der 1928 schrieb23): „Als im Sarajevoer Prozeß das Wort Freimaurer fiel, klammerten sich die Attentäter daran wie Ertrinkende an einen Balken, nur um dem Prozeß eine andere Wendung zu geben, weil sie ja die Hintermänner des Attentats kannten, während die Behörden keine Ahnung hatten ... sie [die Attentäter] wieder hatten von den Freimaurern keine Ahnung, sie hatten aber in Belgrad gehört, daß Tankosié Freimaurer sei, und man muß ihnen zugestehen, daß es ihnen gelungen ist, die Freimaurer zu belasten.“ Auch Sektionsrat Dr. Friedrich Wiesner dachte so ähnlich, als er meinte, die Angeklagten hätten den ihnen unbequemen Fragen über die eigentlichen Ur­19) Wie Gott mich geführt. Erinnerungen und Erlebnisse von Anton Puntigam SJ (maschinschriftl. Ms. im Provinzialarchiv SJ Wien). 20) Pfeffer Istraga u sarajevskom atentatu 140. 21) Tel. 1914 Oktober 13 in VP 408 (Bericht I). 22) ABH GFM an LR ZI. 1655 von 1914 Oktober 13. 23) Tartaglia in der Vecernja posta 1928 September 29 - Oktober 6, dt. in Berliner Monatshefte (1929/1). 5 Staatsarchiv, Ergänzungsband IX

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