Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

63 wörtliche Übersetzung von I und II. Die Datierung der Verhandlungstage stimmt wie bei II nicht mit den Daten der Telegramme des Senatspräsiden­ten überein. Die Herausgabe dürfte auf Anregung der österreichischen Regie­rung erfolgt sein. Voj. Bogicevic zitierte im Vorwort des Verhandlungspro­tokolls (siehe unten S. 71 f) Sidney B. Fay12), der von dieser Broschüre sag­te, sie sei „eine gedrängte Darstellung der ganzen Verhandlung einschließlich einiger Stücke, die sonst fehlen“. TV. Berlin 1918: Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajewo. Nach amtli­chen Stenogrammen der Gerichtsverhandlung, aktenmäßig dargestellt von Prof. Pharos. Mit einer Einleitung von Prof. Dr. Josef Kohler, Geh. Justiz­rat, Berlin 1918, 178 Seiten. - Amtlich und aktenmäßig? Bei dem nach einem Pseudonym klingenden Namen Pharos, zu deutsch Leuchtturm, fragt man sich unwillkürlich: Wie kommt ein nom de guerre auf eine mit dem Doppel­adler versehene, amtliche oder halbamtliche österreichische, aber in Berlin erschienene Aktenpublikation? Jedenfalls ein ungewöhnlicher Fall, der zu der Frage, wer sich hinter der Publikation verbirgt, Anlaß gibt. Bald glaubte man das Geheimnis gelüftet. S. B. Fay wies in einem seiner Werke auf einen gewissen Puntigam hin, und auch Untersuchungsrichter Pfeffer widersprach dem nicht13). Bald zweifelte niemand mehr an dieser Deutung. Puntigam lautete der Familienname eines steirischen Jesuitenpaters, der seit 1886 in Bosnien wirkte. Das Jesuitenlexikon vermerkt über ihn: „Anton Puntigam, aszt. Schriftsteller, 15 Jahre am erzbischöflichen Gymnasium in Travnik, 9 Jahre in der Seelsorge in Sarajevo tätig, konnte dort am 28. Juni 1914 dem sterbenden Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin beistehen ... gest. 1926.“ Uber Puntigams Rolle im Prozeß gegen die Attentäter fehlt jeder Hinweis14). In dem mit dem Pseudonym Pharos gezeichneten Vorwort heißt es: „Wir ha­ben den Gang des Sarajevoer Attentatsprozesses aktenmäßig nach den uns vorliegenden [kroatisch-serbischen] Stenogrammen dargestellt“15). Unter „wir“ versteht Prof. Pharos sich und den Geheimen Justizrat und ordentli­chen Professor der Berliner Universität Dr. Josef Kohler, der das Buch „ein­begleitet“ hat. Diese Einführung gab der Publikation völlig verfehlte politi­sche Akzente. Kohler war, seinen Worten nach, ein extremer Nationalist und blind für die Probleme des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn; schon da­mals kehrte Kohler rassische Gesichtspunkte hervor, nannte die Doppelmo­narchie einen „germanischen Staat“ und bewegte sich — les extremes se tou- chent - in ähnlichen Gedankengängen wie die Sarajevoer Attentäter, die im Gerichtssaal erklärten, der österreichische Thronfolger gehöre „vernichtet“, da er als Germane der böse Feind aller Slaven sei. Mit zu weitgehenden 12) Der Ursprung des Weltkrieges 2 (Berlin 1930) 37. Fay war Professor für europä­ische Geschichte an der Universität Northampton (USA). 13) Pfeffer Istraga u sarajevskom atentatu 202. 14) Vgl. die 1970 in Wien erschienene Dissertation von Leo Ashley Nicoll SJ Anton Puntigam. Leben und Wirken eines Jesuiten in Bosnien. 15) Pharos 1.

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