Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

64 Schlußfolgerungen setzte Kohler, der von der Geheimorganisation .Vereini­gung oder Tod“ nichts wußte, seinen Mitherausgeber Pharos einer Flut von Angriffen aus, die lange nicht verstummten. Justizrat Kohler schrieb: „Wir wissen nun, daß internationale Mächte hier gewaltet haben, Mächte, die auch sonst in diesem Krieg die unheilvollste Rolle gespielt und sowohl in Frankreich die El­saß-Lothringerhetze bis zur Siedehitze getrieben als auch in den französischen Schweizer Kantonen Fluch und Verderben gegen Deutschland gespieen und schließlich Italien zu dem furchtbaren Treuebruch verleitet haben, welche der Nation einen stän­digen Makel aufdrückt. Es war der Großorient, die französische Freimaurerloge, wel­che überall ihre Fühler ausstreckte, wo es galt, die Kirche zu vernichten, die monar­chistische Gesinnung zu untergraben, die Staatsgewalt zu lockern, vor allem aber das Germanentum in seinem Lebensnerv zu treffen; und so war es diese Freimauerloge, die auch die fluchwürdige serbische Agitation betrieb. Wir wissen, daß die Hauptvereini­gung, in der sich die destruktiven Kräfte sammelten, die .Narodna Odbrana“, nicht nur Freimaurer enthielt, sondern daß ihre Häupter Freimaurer waren, und der geistige Ur­heber des ganzen Verbrechens, Tankosié, wird uns als Freimaurer geschildert, daneben ein Kazimirovic, der sich vielfach in der Loge von Paris herumgetrieben hat; und ebenso war Ciganovic, der den Verbrechern Geld, Bomben und Pistolen gab, ein Frei­maurer, ebenso einige der jugendlichen Verbrecher selbst, wenn sie auch zunächst ab­leugneten. Der Großorient wollte hier seinen Hebel ansetzen, um von diesem Punkt aus das katholische Österreich und damit den germanischen Staat zu zertrümmern, zu dessen Hauptaufgaben es von jeher gehört hat, verschiedene slavische Völker zu einer großen Kultureinheit zu verbinden“ 16). Die Reaktion war dementsprechend, vor allem natürlich bei den Freimau­rern. Ihr Lexikon nahm zu der Pharos-Edition des Verhandlungsprotokolls folgendermaßen Stellung: „Auf diesem Buch fußen die zahllosen Kampfschriften und Aufsätze, die die jede Grundlage entbehrende Behauptung abwandeln, die Freimaurer seien mittelbar oder unmittelbar an dem Attentat beteiligt gewesen. Der französische Forscher Mousset hat durch Veröffentlichungen der authentischen Protokolle den Nachweis geliefert, daß die .aktenmäßige' Darstellung von Pharos-Puntigam, hauptsächlich da, wo von den Frei­maurern die Rede ist, wesentliche Textänderungen, Streichungen, Kürzungen, Ver­stümmelungen und willkürliche Einfügungen aufweist, die manche Wendung ins Ge­genteil verkehren. Durch die nun vorliegende authentische Prozeßniederschrift [ge­meint ist Nr. VI] ... ist der Legende von verbrecherischen, verschwörerischen frei- mauerischen Taten der Boden vollständig entzogen“17). Zu untersuchen, ob Freimaurer in der Führung der Geheimorganisation .Schwarze Hand“ oder im Verein .Narodna Odbrana“ tätig waren, ist nicht Aufgabe dieser Arbeitls). Hier soll nur aufgezeigt werden, daß der Streit um diese Frage bei der Beurteilung der ,aktenmäßigen1 Darstellung von Pharos eine große Rolle spielte. Wen aber die größere Schuld trifft, daß das Buch unter falscher Flagge segelte, ist schwer zu entscheiden. Meines Erachtens trägt der Geheime Justizrat Kohler, der prominente Jurist, dem die Berliner Drucklegung zu verdanken war, die Hauptverantwortung. 16) Pharos VI. 17) Eugen Lennhoff - Oskar Posner Internationales Freimaurerlexikon (Wien 1952 = Wien - München 1975) Sp. 1263. ls) Über das Verhältnis P. Puntigams zu den Freimaurern vgl. Ni coli Anton Pun- tigam 159—165.

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