Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

58 „Die jugoslawische Regierung konnte ein Stenogramm welcher Art immer schon des­halb nicht veröffentlichen, weil dies zur Revision des Salonikier Prozesses gegen Dimitrijevic hätte führen müssen, aber jede Erwähnung dieses Prozesses nicht nur un­erwünscht, sondern geradezu verboten war“6). Am 16. Dezember 1927 brachte die Belgrader Vreme anläßlich des Ablebens des jugoslawischen Ministerpräsidenten eine Notiz, welche besagte, Nikola Pasié habe in den letzten Tagen seines Lebens bei Korrekturen seines Buches Über die Schuld am Weltkrieg Aktenmaterial aus Sarajevo herangezogen und auf seinem Nachttisch sei das Protokoll des Prozesses gegen Princip und Konsorten gelegen. Was war darunter zu verstehen? Der „Offizielle Text“ aus Wien, die verschwundenen Originalprotokolle oder eine Abschrift des „Offiziellen Textes“? Eine solche Abschrift gab es nämlich auch, und zwar wurde sie 1925 herge­stellt, aber erst 1939 durch den Belgrader Hauptarchivar Vojislav M. Jova- novic7 8) beglaubigt. Dazu schrieb Prof. Vojislav Bogicevic: ,Der vorliegende Text ist die authentische Abschrift des Originalprotokolls von 1914 ... Als weiterer Beweis der Authentizität gilt auch der schriftliche Vermerk, den der damalige Vorstand des Hauptarchivs beim Ministerium des Äußern in Belgrad am 26. Jänner 1939 auf dem Texte anbrachte: Die Abschrift wurde vom amtlichen Text aus dem Archiv des ehemaligen Gemeinsamen Ministeriums für Bosnien und die Her­zegowina hergestellt“s). 1941 kamen die serbischen Aktenbestände nach Wien, wo eine Gruppe von Historikern, hier genannt die Forschergruppe9), sich ihrer annahm. Sie 6) Vojislav Bogicevic, nicht zu verwechseln mit Dr. Milos Bogicevic (Boghitsche- witsch), dem serbischen Geschäftsträger (1908-1914) in Berlin. Vojislav B. war Ange­höriger der ,Mlada Bosna“, auf seinen Namen stoßen wir bereits 1914 im Zeugenver­zeichnis der Anklageschrift unter der Zahl 66-J, Nr. 295/4. Das Einvernahmeprotokoll des Bogicevic ist verschwunden. Er behauptete später, er sei am 28. Juni 1914 beim Bombenanschlag des Öabrinovic an jener Stelle gestanden, an der sein Klassenkame­rad in der Lehrerbildungsanstalt, der Vorzugsschüler und Mitattentäter Cvetko Popo­vié, nach dem Aufstellungsplan der Verschwörer hätte stehen sollen (VP 291). Auch Bogicevic wurde verhaftet, jedoch nach kurzem Verhör wieder freigelassen, war dann vorübergehend Schreiber bei der Landesregierung, kam später als Soldat zur k. u. k. Armee, wurde an der italienischen Front in Anerkennung tapferen und aufopferungs­vollen Verhaltens vor dem Feind mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet (Belobi­gungsantrag n. 1597581: KA), widmete sich nach 1919 in zahllosen Artikeln der Ver­herrlichung der Sarajevoer Attentäter und der Geschichte der national-revolutionären Jugend. 7) Im November 1924 übernahm Jovanovic das Belgrader Hauptarchiv, das er bis 1930 leitete. Im Jänner 1938 wurde er wieder Archivdirektor und blieb es bis zum Zu­sammenbruch des jugoslawischen Staates. Sein Titel war zuerst Hauptarchivar, dann Chef der historischen Abteilung. 8) „Tekst sto ga objavljuje Drzavni arhiv, autentiéan je prepis stenograma koji je 1914 g. prilikom sudjenja sa originalnih biljezaka razrijesen i poslan u Bee. Pored ostalog dokaz za to je i pismena zabiljeska (napomena) koja se nalazi uz tekst, a koju je naéinio 26. januara 1939 g. tadasnji nacelnik Glavne arhive Ministarstva inostranih dela u Beogradu.“ 9) Im Auftrag des deutschen „Kommissars für Archivschutz in den besetzten Ge­bieten“ wurden aus dem Belgrader diplomatischen Archiv Akten des Saloniki-Prozes­

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