Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Das Attentat von Sarajevo
32 ben, „obwohl wir ja alle davon überzeugt sind und waren, daß die Karage- orgje von den Vorbereitungen wußten ... es wäre nebenbei ganz famos, wenn die Belgrader Bande doch noch etwas auf den Pelz (Tets?) bekäme ...“. Auf Ingomars Antwort, die verloren ging, erwiderte Collas am 2. September 1926, er sei skeptisch und meinte: „ ... wir hätten uns damals die Aussage nicht entgehen lassen, um den klaren Schuldbeweis des Belgrader Mordgesindels zu erbringen ...“ Im nächsten Schreiben, es ist vom 7. September, beschimpft der frühere Präsidialchef der bosnischen Landesregierung einen gewissen Nowak31) und nennt diesen einen Gauner, an den er schlechte Erinnerungen habe ... Uber die Relation des Ivasiuk-Ingomar meinte Collas, sie werde sicher auf dem Weg zum Ballhausplatz in einem Archiv verschwinden. Wenn das aber der Fall sein werde, „wenn man tatsächlich in Wien und Budapest in die Hose mache“, dann würde er den vom Berliner Außenamt unterstützten Herrn Alfred Wegerer „als Vorspann benützen“. Doch müßten, schrieb Baron Collas Herrn Ivasiuk-Ingomar, alle Behauptungen hieb- und stichfest sein, denn „im Gegenlager steht eine Welt“. Außerdem meinte Collas, den Feinden stünden auch „falsche Zeugen wie Pfeffer zur Verfügung“. Jedenfalls traten weder Ingomar-Ivasiuk noch Baron Collas gegen den früheren Untersuchungsrichter, „den falschen Zeugen“, auf. Dem „Gauner“, Herrn Nowak vom Verlag für Kulturpolitik in Berlin, schrieb Ingomar- Ivasiuk am 25. September 1926: „Ich muß daher meine Veröffentlichungen nicht nur sehr genau und wahrheitsgetreu, sondern auch mit Beweismitteln versehen abfassen. Es tut mir daher leid, Ihnen mit- teilen zu müssen, daß ich meine Zustimmung zur Veröffentlichung des von E. H. verfaßten Artikels, in welchem auch meine seinerzeitigen mündlichen Mitteilungen nicht ganz richtig wiedergegeben erscheinen (!), nicht erteilen kann“32). Anläßlich der Anregung Pfeifers, das Attentat von Sarajevo neuerdings von einem internationalen Gerichtshof untersuchen zu lassen, antwortete Baron Collas in den Berliner Monatsheften33), er stelle sich zur Verfügung, denn er habe an sicherer Stelle noch Daten aufbewahrt; ... er sei aber nicht gewillt, mit diesen Daten vor das noch immer subjektive Forum der heutigen Öffentlichkeit zu treten, weil er die Erfahrung gemacht habe, daß jede Angabe als Mittel zur Verwischung der Spuren benützt werde, und weil er gesehen habe, wie unbequeme Archive geplündert und „verschwunden gemacht“ würden34). Diese öffentliche Kontroverse war die letzte Auswirkung des Zwistes zwischen der Sarajevoer Polizei und der Staatsanwaltschaft im Jahre 1914. Hin31) Gemeint ist Karl F. Nowak vom Verlag für Kulturpolitik in Berlin. 32) Briefe vom 10. August, 2. und 25. September 1926 im Besitz der Witwe Ingomars (Abschrift im SAA). Unterstreichungen (hier gesperrt) und Rufzeichen im Original. 33) Auf den bosnischen Wegspuren der Kriegsschuldigen in Berliner Monatshefte (1927) 11-27. 34) Anspielung auf die Verbringung des „Bosnischen Archivs“ aus dem Gemeinsamen Finanzministerium durch die Jugoslawen; siehe unten S. 104f Anm. 47.