Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

33 ter dem Präsidialchef Collas stand damals der ungeduldige Landeschef und Feldzeugmeister Potiorek, dem gewiß die weichen Methoden des Untersu­chungsrichters Pfeffer falsch erschienen. Es erhebt sich nur die Frage: Er­preßte die Polizei Geständnisse, die die Resultate der Gesamtuntersuchung beeinflußten und sich schließlich auf die Rechtsfindung auswirkten? Gibt es außer der bereits erwähnten Angabe des Untersuchungsrichters über die einmalige Behandlung der Wunden mit Lapis35) Beweise für besondere Bru­talitäten der Polizei? Univ.-Prof. Vaso Cubrilovic in Belgrad, ein ehemaliger Attentäter, nannte Ivasiuk „eine Bestie“36). Der Häftling Trifko Grabez hin­terließ einen Brief an seinen Vater, einen orthodoxen Priester, in dem er sich bitter beschwerte, von Polizisten „drangsaliert“ worden zu sein. Das Schrei­ben soll der junge Grabez am 20. Oktober 1914 nach seiner Verurteilung37) verfaßt haben. Nach einer nächtlichen Befragung durch Dr. Gerde und Baron Collas sei er, schrieb Grabez38), in das grüne Zimmer der ungarischen Detek­tive überstellt worden, und dort habe man ihn entsetzlich gequält. Princip und Cabrinovic beschwerten sich nicht über Drangsalierungen durch die Polizei, obwohl sie Gelegenheit dazu gehabt hätten. Vaso Öubrilovic sagte ausdrücklich, er sei nicht gefoltert worden39), Prof. Cvetko Popovié erklärte am 28. Juli 1965 im Sarajevoer Staatsarchiv dem Autor auf die Frage, ob er gefoltert wurde: „Nein, ich wurde nicht gefoltert, der heute noch lebende Vaso Cubrilovic auch nicht, überhaupt wurde niemand, der hier bei der Gerichtsbehörde in Haft war, gefoltert. Bei der Polizei war das anders. Dort wurden die Angeklagten so behandelt, wie bei jeder Polizeibehörde der Welt.“ Das heißt, daß man, um Geständnisse herauszulocken, auch bluffte und drohte. So behauptet Kriminalinspektor Glück in seinen Erinnerungen40), Ivasiuk habe ihm anvertraut, er habe den Danilo Ilié wissen lassen, man werde als Vergeltung 200 führende Serben hinrichten. Erst diese Drohung hätte Ilié veranlaßt, die Namen der anderen Verschwörer anzugeben41). Mög­35) Siehe oben S. 28. 36) In einem Gespräch mit dem Autor im Dezember 1970. 37) Grabez erhielt 20 Jahre schweren Kerkers. 38) Brief des Grabez vom 28. Oktober 1914 in Mlada Bosna n. 97. Während der Herausgeber, Voj. Bogicevic, sonst meistens den Aufbewahrungsort der Originale an­gibt, schreibt er in diesem Falle nur, daß der Brief das erste Mal in der n. 276 der Volksstimme (Sarajevo), dann in dem Buch von Dobroslav Jevdjevic Sarajevski atentatori (Zagreb 1939) veröffentlicht wurde. Trisic bezeichnete in Pregled (Sara­jevo 1935) 124 den Brief als Falsifikat. Jevdjevic war laut Dedijer 578 Grabez’ Freund. Ferner erwähnt Dedijer 601 eine andere Brieffälschung des Jevdjevic und an anderer Stelle (635) meint er, eine Behauptung Jevdjevics sei „mit Vorsicht aufzuneh­men“. Schon das Datum des Grabez-Briefes gibt zu Bedenken Anlaß: Grabez wurde am 1. Juli 1914 verhaftet und nach Sarajevo gebracht, wo er eine Zeitlang im Gewahr­sam der Polizei blieb. Der Brief stammt vom 20. Oktober; während die Briefe seiner Kameraden aus diesen Tagen den Stempel der Echtheit tragen, ist dies bei dem er­wähnten Grabez-Brief nicht der Fall. 39) Dedijer 596. 40) Siehe oben S. 27 Anm. 9. 41) Politika (Belgrad) 1924 November 22. 3 Staatsarchiv, Ergänzungsband IX

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