Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

29 Säbel zu bearbeiten. Der aufgeregten und wütenden Menge, die den Attentäter zu zer­reißen drohte, wurde der Mann [Princip] entrissen, er wurde sofort in das Militärge­fängnis im Philipovich-Lager17) gebracht ... und verbunden. Der Kreisgerichtspräsi­dent Joseph Ilnicki beauftragte den Gerichtssekretär Leon Pfeffer mit der augenblick­lichen Aufnahme der Untersuchung ... der Untersuchungsrichter Pfeffer führte die Vernehmung durch vier bis fünf Tage, aber er erzielte keine nennenswerten Ergebnis­se, die zur Klärung der Angelegenheit hätten führen können ... Die Polizei, die nicht der Ansicht des Untersuchungsrichters war, sah sich in einer schwierigen Situation. Nach der Strafprozeßordnung durfte sie keine unmittelbare Berührung mit den Ver­hafteten nehmen. Der Untersuchungsrichter wachte auch eifersüchtig darüber, daß eine solche Berührung nicht zustande käme. Wir suchten, um dennoch eine Klärung in das (!) Verbrechen zu bringen, nach einem Auskunftsmittel. Der Leiter des Kriminal­büros erwirkte vom Kreisgerichtspräsidenten Ilnicki die Erlaubnis, beide Attentäter zu photographieren. Daher begaben sich der Kriminalkommissär Eduard von Pollak18), der Polizeiassistent Mörser19), ein weiterer Kriminalbeamter, der der Budapester Poli­zei angehörte, und ich in das Militärgefängnis im Philipovich-Lager. Während der Leiter des Kriminalbüros seine Aufnahmen machte, begann ich ein Verhör mit Cabri- novic. Das Verhör dauerte anderthalb Stunden. Cabrinovié gab seine starre Haltung auf. Nachdem er gehört hatte, daß auch sein Vater20) verhaftet und seine Schwester21) kurze Zeit nach dem Attentat von Fiume herüber gekommen sei, brach er zusam­men. Cabrinovié legte nunmehr ein Geständnis ab, ... er erklärte, daß das ganze Komplott von Milan Ciganovié22) und dem königlich serbischen Major Tankosié23) zu­Gustav Schneiberg wird hier vermerkt: „Ist nach dem ersten mißlungenen Attentat, als Graf Harrach seinen Sitz neben dem Chauffeur eingenommen hatte, auf’s linke Tritt­brett neben dem Erzherzog gesprungen, um unter Preisgabe seines eigenen Lebens dasjenige des Erzherzogs zu schützen; diesen Platz nahm er auch bei der Fahrt vom Rathause ein. Leider erfolgte das 2. Attentat von der rechten Seite, daher Sch. nicht in der Lage war, es zu verhindern...“. Als Dekoration wurde „ausnahmesweise (weil nicht dem Rang entsprechend) das Silberne Verdienstkreuz mit Krone und ein Geldge­schenk beantragt. Im endgültigen Entwurf vom 14. Juli 1914 ist die ausführliche Be­gründung bereits durch die allgemeine Bemerkung „Aufopfernde Dienste bei und nach dem Attentat in Sarajevo“ ersetzt; vorgeschlagen wurden jetzt „Nippe und Geldge­schenk“: HHStA Oberststallmeisteramt ZI. 928/1914 (freundlicher Hinweis von Herrn Gustav Schneiberg, dem Sohn des genannten Beamten). 17) Die sogenannte große Kaserne. Sie war nach dem in Gospic (in der ehemaligen kroatischen Militärgrenze) geborenen FZM Joseph Freiherr von Philipovich benannt, unter dessen Befehl 1878 Bosnien und die Herzegowina besetzt wurden. 18) Assistent für Daktyloskopie und Kriminalphotographie. 19) Sein Name findet sich in den Personalstandslisten nicht. 20) Vaso Cabrinovic, Gastwirt und seit 1899 Konfident der Landesregierung; siehe Würthle Die Spur 250f. 21) Vukosava Cabrinovic, besuchte die Lehrerbildungsanstalt. 22) Milan Ciganovié, geb. am 20. März 1888 in Bihaé; sein Vater war Diurnist beim Bezirksamt in Bos. Petrovac. Über seine Person: Bericht Res. 219 vom 21. Juli 1914 des Gendarmerieflügelkommandos in Bihac an das Gendarmeriekorpskommando, Sa­rajevo (Abschrift SAA). Ciganovié besuchte die Handelsschule in Bihaé, dann trat er als Volontär beim Steueramt Bihaé ein, fiel jedoch bei der Steueramtsprüfung durch und flüchtete ohne Wissen seiner Eltern nach Serbien. Später gab er bekannt, daß er bei der Bahn in Serbien angestellt sei. Während des Balkankrieges 1912/13 war er „Komitas“ und wurde von König Petar belobt. In dem Gendarmeriebericht heißt es: „Ciganovié wird von Personen, welche ihn gekannt haben, als ein unbotmäßiges, lok- keres und ungebundenes, dabei sehr intelligentes Individuum geschildert“. 23) Vojislav Tankosié, Mitbegründer und Mitglied der Obersten Zentralleitung der

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