Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

30 sammengestellt und organisiert war. Sie hatten die Attentäter mit fünf Bomben, fünf Brownings und fünf Säckchen Zyankali ausgerüstet. Sie hatten beide mit den Attentä­tern im Topcider Walde bei Belgrad Schießübungen auf lebende Ziele in der Höhe ei­ner im Auto sitzenden Person vorgenommen .. . Major Tankosic war Kundschaftsoffi­zier bei der ,Narodna Odbrana'M) und in dieser Eigenschaft dem serbischen Kriegsmi­nisterium zugeteilt. Er hatte im Wege des Finanzministeriums in Belgrad einen amtli­chen Befehl an die Zollbehörden in Loznica erwirkt, daß Princip und Cabrinovic unter schützender Bedeckung auf einem Schmugglerweg über die Drina nach Bosnien zu be­fördern seien.“ Ivasiuk-Ingomar gibt dann eine detaillierte Schilderung der Reise der Atten­täter nach Sarajevo, wie er sie von Cabrinovic gehört haben will. Der Krimi­nalreferent schließt mit den Worten: „Diese Ergebnisse hatten wir [die Polizei, d. A.] durch unsere Verhöre ... erreicht.“ Weiters will Ivasiuk von Cabrinovic gehört haben, Milan Ciganovic und Ma­jor Tankosic hätten täglich die beiden Attentäter Princip und Cabrinovic ausgeführt und den beiden unablässig zugeredet, daß auch der Thronfolger Alexander von dem heroischen Entschluß in Kenntnis gesetzt worden wäre und die beiden kennen lernen wollte. Die nach dem Krieg von Ivasiuk-Ingo­mar gemachten Aufzeichnungen stehen im Widerspruch zu den Verhörspro­tokollen des Untersuchungsrichters, die Angabe der Waffen ist ungenau; daß Princip und Tankosic sich getroffen hätten, behauptet wohl Danilo Ilié24 25), wurde aber vom Gericht nicht angenommen. Auch geht aus den Protokollen des Untersuchungsrichters nicht hervor, daß Kronprinz Alexander den Wunsch ausgesprochen hätte, die beiden Attentäter kennen zu lernen. So­lange die Polizeiprotokolle nicht gefunden werden, vor allem das Polizeiver­hör des Cabrinovic, ist auch bei den Aufzeichnungen des späteren Sicher­heitsdirektors von Salzburg Skepsis angebracht. 1926 erschien in den Berliner Monatsheften ein Artikel König Alexander und die Attentäter von Sarajevo, gezeichnet ,,A. v. W.“26), in dem die Frage ge­stellt wird: „Wußten Mitglieder des Königshauses und besonders der damalige Regent, der jetzige König Alexander von Jugoslawien, von dem Attentat ...?“ Es werden dann die Argumente aufgezählt, welche dafür sprechen, daß der Regent tatsächlich vorher von dem beabsichtigten Attentat gewußt habe. Das erste Argument ist falsch, nämlich die Behauptung, daß Alexander Mitglied der Organisation .Vereinigung oder Tod“ gewesen sei. Das zweite Argument wird von anderen Stellen bestätigt, es ist die Feststellung, daß Cabrinovic in .Vereinigung oder Tod1 (Schwarze Hand), Leiter aller Komitadzi-Einheiten, Hauptin­struktor an den Freischärlerschulen, Infanterie-Major. 24) Major Tankosic war weder Kundschaftsoffizier, noch gehörte er der .Narodna Odbrana' an. 25) Geständnis des Danilo Ilic vom 4. Juli 1914 (UP 244-250). 26) Alfred v. Wegerer, im Ersten Weltkrieg deutscher Generalstabsoffizier, leitete 1921-1936 die Zentrale zur Erforschung der Kriegsursachen in Berlin und gab deren Monatsschrift Die Kriegsschuldfrage (seit 1926 Berliner Monatshefte) heraus.

Next

/
Thumbnails
Contents