Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

28 stände leider noch immer nicht zugänglich, da sie angeblich noch geordnet und neu aufgestellt werden müssen. Zwischen der Polizei (Collas, Dr. Gerde) und der Staatsanwaltschaft (Ober­staatsanwalt Michael Holländer und Gerichtssekretär Leon Pfeffer10) be­standen Differenzen, die sich in der Hauptsache auf die Untersuchungsme­thoden bezogen. Pfeffer beklagte sich, allerdings erst lange nach dem Kriege, daß Polizeiorgane Princip und Cabrinovic nachts verhört und dabei deren Wunden — sie waren bei der Festnahme geprügelt worden11), mit Lapis ge­ätzt hätten. „Ich ging“, schrieb Pfeffer, „obwohl sich weder Princip noch Cabrinovic bei mir beklagten, zum Senatspräsidenten (Chmielewski)12) und beschwerte mich über das Verhalten der Polizei. Um in Hinkunft den Zutritt zu den Untersuchungshäftlingen zu verhindern, wurde von mir ein Losungs­wort ausgegeben, das ich täglich dem Gefängnisverwalter bekannt gab“13). Nach dem Krieg, zwölf Jahre später, hatten diese Differenzen noch ein Nachspiel, und zwar eine öffentliche Debatte zwischen dem damaligen Prä­sidialchef Collas, der ebenso wie Ivasiuk-Ingomar Bosnien verlassen hatte, und dem im Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) lebenden Staatsanwalt i. P. Pfeffer. Von Ivasiuk-Ingomar ist eine Relation14) erhalten, die am Beginn der zwan­ziger Jahre verfaßt wurde und von der auch ein Exemplar am Ballhausplatz gelandet sein soll15). In diesem Bericht des früheren Kriminalreferenten wird ausgeführt: „Der Attentäter [Bombenwerfer Cabrinovic] wurde verhaftet und in den Polizeiarrest gebracht. Er war die erste Zeit im Sprechen ziemlich behindert, denn die Flüssigkeit, die er zu sich genommen hatte, war Zyankali gewesen. Die Behörden stellten zunächst fest, daß der Attentäter Nedeljko Cabrinovic hieß. Sofort wurde auch die Bombe un­tersucht. Sie war mit Vasit gefüllt, jenem Sprengstoff, der nach dem Chef des königl. serbischen Arsenals in Kragujevac genannt ist.“ Über das zweite Attentat vermerkte Ingomar-Ivasiuk: „ ... Graf Harrach16) sprang ab, stürzte auf den Attentäter zu, begann ihn mit dem 10) Über Pfeffer siehe unten S. 45f. “) Princip hatte Säbelhiebe erhalten. 12) Ladislaus Ritter v. Chmielewski, geb. 1856, zuständig nach Galizien, polnischer Nationalität, Rechtspraktikant beim Landesgericht Krakau, 1885 beim Kreisgericht Tuzla, seit 1896 in Sarajevo, Hofrat bei der Landesregierung, seit 1914 Sektionschef und Senatspräsident beim Obergericht in Sarajevo (Personalakt im ABH). 13) Leo Pfeffer Istraga u sarajevskom atentatu (Zagreb 1938) 50f. 14) Ohne Datum; die Relation war 1970 im Besitz der Witwe Ingomars (Ivasiuks), Salzburg; Kopie im SAA (Maschinschrift, 11 Seiten). ls) Nach einer dem Verfasser von der Witwe Ingomars erteilten Auskunft. 16) Franz Graf Harrach, k. u. k. Kämmerer, Mitglied des Freiwilligen Automobil­korps, Besitzer des in Sarajevo von Erzherzog Franz Ferdinand benützten Gräf u. Stiftwagens A III 118; Graf Harrach stand angeblich auf dem linken Trittbrett seines Wagens, um den Thronfolger „mit seinem Leibe zu decken“. Dem widerspricht der er­ste Entwurf für eine Konsignation des Oberststallmeisteramtes, in der Auszeichnungs­anträge für mehrere Beamte im Zusammenhang mit Tod und Überführung des Thron­folgers gestellt wurden. Zu dem an erster Stelle genannten Kammerbüchsenspanner

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