Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

27 Deutschen aus der Bukowina, und dem Serben Peter Maksimovic* 8), Detek­tiv-Inspektor, ferner die Polizeistrafjudikaturstelle mit dem Regierungskon­zipisten Vladimir Glück9). Die Verhörsprotokolle der Polizei liegen nicht gesammelt vor, Einzelstücke sind unter verschiedenen Titeln zu finden. Da die Polizei dem Regierungs­kommissär unterstand und dessen Akten heute (1970) auf dem Dachboden des alten Rathauses in Sarajevo gelagert werden, wie sich der Autor in den Registern überzeugen konnte, besteht die Wahrscheinlichkeit, daß sich dort auch die polizeilichen Vemehmungsprotokolle befinden; doch sind diese Be­sehen Arsenal zu Kragujevac nachgewiesen habe, sowie fast gegen alle Funktionäre der bosnisch-herzegowinischen Nationalregierung [diese amtierte dann im Jahre 1919, d. A.] einschreiten mußte, habe ich mich um die Übernahme in den österreichischen Staatsdienst beworben“ (aus einem handschriftlichen Konzept Ivasiuks im Besitz der Witwe Ingomar, Salzburg, gest. 1974). 1919 wurde Viktor Ingomar die Leitung des kriegswirtschaftlichen Überwachungsamtes in Salzburg übertragen (Öffentliche Si­cherheit 1932, n. 3). Im österreichischen Staatsdienst brachte es Viktor Ingomar zum w. Hofrat, 1938 war er Sicherheitsdirektor von Salzburg, am 17. März 1938 verhaftete ihn die Gestapo, was am 8. April 1938 die Jugoslavenska posta (Sarajevo) triumphie­rend berichtete und hinzufügte, endlich sei der Mann hinter Schloß und Regel, der 1914 die Angeklagten folterte, 1918 nach Salzburg floh, bei der Polizei arbeitete und auch österreichische Nazi verfolgte. Hofrat Ingomar, der frühere politische Adjunkt Ivasiuk, starb 1944. 8) Peter Maksimovié, seit 1913 prov. Detektiv-Inspektor der Sarajevoer Zivilsicher­heitswache, geb. 1870 in Neusatz, griechisch-orthodox, ehemaliger Konsularoffizial in Nis, veruntreute Amtsgelder, floh dann, stellte sich aber später im Generalkonsulat Berlin und wurde zu einem Jahr Kerker verurteilt. Sein früherer Amtschef in Nis schilderte ihn „als eminent begabt, ehrlich und vollkommen verläßlich, seine Verun­treuung sei wegen gänzlich ungenügender Bezüge erfolgt“ (ABH GMF Präs. 1154/1913). Er eröffnete zuerst ein Kommissionsgeschäft in Sarajevo, trat dann als Geheimagent in den Dienst der bosnisch-herzegowinischen Landesregierung. Präsidialchef Collas .diri­gierte“ ihn zu einem Spezialkurs nach Wien, den er mit „besonders gutem Erfolg“ ab­solvierte. Maksimovic organisierte den Detektivdienst, stellte 20 neue Zivilwachleute ein, und Baron Collas bescheinigte ihm „rastlosen Diensteifer, geradezu musterhaftes Verhalten, absolute Vertrauenswürdigkeit“ und nennt Maksimovic „eine glückliche Aquisition“. Nach dem Krieg blieb Maksimovic als Polizeiinspektor in Sarajevo, er starb 1925: ABH Personalakt Maksimovic. 9) Regierungskonzipist, polnischer Nationalität. Bereits sein Vater hatte sich als Arzt in Sarajevo niedergelassen, über die Beamtenlaufbahn des Sohnes liegen keine Daten vor. In seinem Hause wohnte der Attentäter Vaso Cubrilovic (heute emeritierter Univ.-Prof. in Belgrad), dessen Mittäterschaft in den ersten Tagen der Polizei nicht bekannt war. Cubrilovic reiste ab, nachdem er sich bei Glück, „der von nichts wußte, nichts ahnte“ (Cubrilovic zum Autor) einen Passagierschein geholt hatte. Glück spielte bei der Untersuchung keine Rolle, nach dem Krieg ging er nach Polen, er soll, wie man in Sarajevo erzählt, Woiwode von Danzig geworden sein. 1935 veröffentlichte er das Buch Sarajewo, Historija zamachu Sarajewskiego (Krakau). Seine Sympathien gehör­ten der revolutionären Jugend Bosniens. Über die österreichisch-ungarische Verwal­tung sagte er, sie sei in „ihren kulturellen und zivilisatorischen Leistungen erstklassig, wirtschaftlich uneinheitlich und politisch verhängnisvoll gewesen“. Über den Aufent­halt des Erzherzogs im Rathaus von Sarajevo schrieb Glück: „Franz Ferdinand und Potiorek hielten sich abseits von den .Zivilisten“. Keiner der Offiziere, die den Thron­folger begleiteten, kam auf die Idee, sich mit den Beamten des Regierungskommissärs und des Polizeichefs zu beraten ...“ (Würthle Franz Ferdinands letzter Befehl 316).

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