Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Das Attentat von Sarajevo

24 einander mindestens 311) Revolverschüsse fielen, von denen einer Seine Kaiserliche Hoheit am Halse, einer Ihre Hoheit rechts im Unterleibe traf. Ihre Hoheit fiel nach dem ersten Schuß bewußtlos mit dem Gesicht auf den Schoß Sei­ner kaisl. Hoheit, während Seine kaisl. Hoheit, aus dessen Munde sich Ströme von Blutes ergossen, erst nach wenigen Minuten das Bewußtsein verlor. Das Automobil reversierte unverzüglich über die Carevabrücke12) und fuhr in den Ko­nak 13), welcher nach 2 Minuten erreicht war. Bei dieser Fahrt leistete die erste Hilfe außer den Vorgenannten Obersthofmeister Ba­ron Rumerskirch, Oberst Dr. Bardolff und Major Höger. Bei der Ankunft im Konak war bereits ärztliche Hilfe zur Stelle und zwar waren von Major von Hüttenbrenner Oberstabsarzt Dr. Wolfgang und Regimentsarzt Baier her­beigeholt worden, während der Hofarzt Regierungsrat Dr. Fischer, der in der Suite eingeteilt war, sich über Befehl Seiner kaiserl. Hoheit bei dem verletzten Obst. v. Me- rizzi befand. Über telephonischen Befehl des Armeeinspektorates wurden Oberstabsarzt Dr. Am­stein und Regimentsarzt Polacco des Garnisonsspitales Nr. 25, sowie Regimentsarzt Dr. Emil Hochmann des A(rmee-)Inspektorates herbeigerufen. Bei der Ankunft im Konak war Seine kaisl. Hoheit in tiefster Bewußtlosigkeit, die At­mung ganz oberflächlich, die Pupillen reagierten ganz schwach, das Herz schlug leise, der Puls war kaum tastbar; aus der Halswunde ergoß sich ein dünner Strahl Blut. Nach ca. 5 bis 6 Minuten trat der Tod ein (etwa llh v. m.)14). Bei ihrer Hoheit war der Tod bei der Ankunft im Konak bereits eingetreten. Der sofort herbeigerufene Geistliche, Stadtpfarrer von Sarajevo, spendete die letzte Ölung15). 21) Es waren nur zwei Schüssé, jeder war tödlich. 12) Über die Route, die der Wagen einnahm, besteht bis heute noch keine Klarheit. Nach dieser Schilderung fuhr der Wagen den Appelquai das Stück bis zur Careva- (Kaiser-)brücke zurück und dann über die Miljacka zum Konak. Andere gaben an, der Wagen sei über die Lateiner (heute Princip)-brücke „reversiert“ und zum Konak ge­fahren. 13) Der Konak von Sarajevo, 1868 als Amtssitz des türkischen Vali erbaut, nach der Okkupation 1878 eine zeitlang Regierungsgebäude, dann Wohnsitz der Landeschefs für Bosnien und die Herzegowina. Die Einrichtung der Zimmer, in die die sterbenden Op­fer des Attentats gebracht wurden, blieb erhalten. Für die Öffentlichkeit ist der Konak nicht zugänglich, er ist heute Gästehaus der bosnischen Regierung, in dem auch Mar­schall Tito bei seinen Sarajevoer Aufenthalten abzusteigen pflegt. 14) Bleistifteinfügung. - Im HHStA liegt eine Abschrift der .Todesfall-Aufnahme'; „Sterbeort und Sterbetag, 28. Juni 1914 circa 11 Uhr in Sarajevo. Frau Herzogin So­phie von Hohenberg war bereits circa 10 Minuten vorher verschieden, worüber ein in Sarajevo aufgenommenes Protokoll vorliegt, welches sich nunmehr in Verwahrung der Erbensvertreter befindet“ (Obersthof marschallamt 491 III B n. 220). 15) Der Jesuitenpater Anton Puntigam schildert in seinem Tagebuch die Situation im Konak: „Auf der Stiege kam mir der hochw. Provincial der Franziskaner entgegen und sagte: .Beide sind tot, ich habe ihnen die Absolution gegeben. Die Frau Herzogin bewegte noch die Lippen, das Angesicht des Erzherzogs sah ich nicht, es war verhüllt'. Ich eilte in den ersten Stock. Im ersten Zimmer lag die Herzogin, ... warf mich wei­nend nieder, sprach die Absolution sub conditione und ging darauf in das zweite Zimmer, wo der Erzherzog lag. Auf meine Bitte enthüllte man das Angesicht, ich gab auch Sr. kaiserlichen Hoheit die bedingungsweise Absolution. Da sagte mir einer der anwesenden Herrn, ,ob denn die Hoheiten nicht die letzte Ölung bekommen könnten'. ,Gewiß', antwortete ich, .wenn es nicht schon geschehen ist.' — .Nein', antwortete man mir. Ich lief sofort in die Kapelle des ganz nahen Franziskanerklosters, nahm das hei­lige öl und spendete zuerst Sr. kaiserlichen Hoheit und dann seiner edlen Gemahlin

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