Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Das Attentat von Sarajevo
25 Mittlerweile war Exzellenz Erzbischof Stadler mit der Geistlichkeit erschienen und verrichtete Gebete. Die provisorische Aufbahrung der Leichen der höchsten Herrschaften erfolgte auf 2 Betten im Konak bis zum Eintreffen weiterer Befehle. Konak, Sarajevo, am 28. Juni 1914 Rumerskirch“ DIE UNTERSUCHUNGEN DER POLIZEI Während es nicht allzu schwer ist, den Gang der gerichtlichen Untersuchung zu verfolgen, weil darüber genügend Anhaltspunkte vorhanden sind, tappen wir bei der polizeilichen Untersuchung im Dunkeln. Dafür gibt es mehrere Gründe: 1. den Verlust der Polizei-Protokolle1), 2. einen Zwist zwischen Polizeibeamten und den Organen der Staatsanwaltschaft, 3. die allgemeine Reformbedürftigkeit der städtischen Polizei (Zivil-Sicherheits-Wache). Nachdem der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza nach dem Attentat in aller Öffentlichkeit die „unbeschreiblichen Zustände“ bei der Sarajevoer Polizei angeprangert hatte, sah sich der Landeschef General Potiorek2) veranlaßt, sich an den Statthalter von Böhmen, Fürst Thun-Hohenstein, zu wenden: „Bereits seit geraumer Zeit“ werde die Errichtung einer Polizeidirektion in Aussicht genommen, schrieb Potiorek, doch die Durchführung dieses Pladie hl. Ölung ... Der junge Dienstkämmerer, Dr. Baron Morsay, ministrierte mir, Hofdame Gräfin Lanjus zog ihrer Hoheit die Handschuhe und die Schuhe aus. Ringsum knieten und beteten der Obersthofmeister Baron Rumerskirch mit dem übrigen Hofpersonal, eine Menge Generäle und Ärzte, Erzbischof Stadler, der soeben gekommen war, Weihbischof Sárié, der päpstliche Delegat Dr. Bastier. - Alles schluchzte. Der Obersthofmeister warf sich dem Erzbischof weinend an die Brust. Alle waren wie vom Schrecken gelähmt“ (Puntigams Autobiographie 438 im Provinzialarchiv SJ in Wien). Leo Ashley Nicoll SJ schreibt dazu in seiner Dissertation Leben und Wirken eines Jesuiten in Bosnien (Wien 1970) 157: „Es ist rätselhaft, warum der Franziskanerprovinzial Lovro Mihaéevié, der die Absolution erteilte, die Ölung nicht gespendet hat“. Pater Puntigam eüte dann „ins Postamt, um der Schwiegermutter Franz Ferdinands und ihrer Schwester mitzuteilen, daß er die letzte Ölung gespendet hatte. Obwohl die Regierung das Telegraphenamt für sich in Beschlag genommen hatte, gestattete ihm Postpräsident ..., das Telegramm aufzusetzen. Es war die erste Nachricht, die die beiden vom Attentat erhalten hatten.“ *) Dedijer 602 macht auf die „Polizeiberichte über die Verhöre der Angeklagten“ aufmerksam; erst durch sie wären „alle Einzelheiten erreichbar“. Wo konnte Dedijer in Polizeiberichte Einsicht nehmen? In Sarajevo? Im allgemeinen gelten sie als verschollen. 2) Oskar Potiorek (1853-1934), Feldzeugmeister und Armeeinspektor in Sarajevo, 1911—1914 Landeschef in Bosnien und der Herzegowina.