Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
115 tige Infamien glatt zuzutrauen sind, nicht aber die Dummheit, das Faksimile einer gefälschten Übersetzung gegenüberzustellen. Bei einer beabsichtigten Fälschung hätte man diese Blöße vermieden. Die Entscheidung: Übersetzungsfehler oder angeordnete Fälschung ist nicht ohne Bedeutung, weil im Falle eines Nachweises der Fälschung alle Arbeiten der Forschergruppe 1941-45 in Frage gestellt werden könnten, und darauf steuerte Dedijer hin; ist er sich doch dessen bewußt, daß die Forschung auf diesen Ersatz angewiesen ist, solange die Belgrader Dokumente ängstlich gehütet werden. Daß es an engsten russisch-serbischen Kontakten nicht fehlte, ist bekannt. Sie bestanden in den Hofkreisen, ebenso in der Diplomatie, bei der Geistlichkeit und im Offizierskorps. Nach dem ersten Weltkrieg bestanden sie, wenn auch in veränderter Form, weiter. Die Reichsführung benützte schon 1941 Bekenntnisse serbischer Offiziere85), so die des Obersten Bozin Simic, zu Propagandazwecken. Das war ein Jahr vor dem Fund des Apis-Geständnisses. Am 22. Juni 1941 richtete Ribbentrop eine Note an die Sowjetregierung, in der es hieß: „Die Inscenierung des Belgrader Putsches vom 27. März86) dieses Jahres bildete den Höhepunkt dieser konspirativen Tätigkeit serbischer Verschwörer und englisch-russi85) Am 5. November 1927 schrieb Bogiöevic an Seton-Watson einen Brief, der im dritten Band seiner Auswärtigen Politik Serbiens (195-205) im Jahr 1931 veröffentlicht wurde: „ ... Was die Mitwisserschaft des russischen Militarattachés, des Obersten Artamanow, betrifft, so sind die darüber angeführten und so schwerwiegenden Behauptungen zum ersten Male bereits vor einigen Jahren von Major Radoje Jankovitsch während seines Aufenthaltes als Emigrant in Baden bei Wien einem hiesigen bekannten Journalisten gemacht worden. Herr Radoje Jankovitsch ist heute jugoslawischer Generalkonsul in Chikago. Eine zweite Bestätigung ist durch den Obersten Bozin Simitsch in einem Interview mit dem russischen Publizisten Kibaltschitsch (sein Schriftstellername ist Viktor Serge) erfolgt. Aus Ihrem Brief scheint es mir, daß Ihnen dieses Interview nicht bekannt ist, und darum erlaube ich mir, es Ihnen zu übersenden. Mir sind beide Herren persönlich bekannt, und Herr Kibaltschitsch macht den Eindruck eines ernst zu nehmenden, intelligenten Journalisten, der den Sinn der Worte Simitsch’s genau verstanden hat. Übrigens hat sich Oberst Simitsch auch mir gegenüber in ähnlicher Weise geäußert, und an seiner Glaubwürdigkeit ist nicht zu zweifeln. Als indirekter Beweis mag noch die Tatsache angeführt werden, daß Herr Simitsch es später bereut hat, sich in dieser Weise geäußert zu haben, nicht etwa, weil das, was er gesagt hat, unwahr wäre, sondern weil es ihm als eine Art Verrat an dieser revolutionären nationalistischen Tätigkeit erschien, einer Tätigkeit, die heute noch von ihm verherrlicht wird. Diese von den beiden oben erwähnten Offizieren gemachten Angaben sind noch von mehreren anderen Offizieren, die dem Bekannten- und Freundeskreise des Obersten Dimitrijevitsch angehörten, bestätigt worden. Im übrigen, glauben Sie etwa, daß die serbische Regierung, wenn diese Angaben imrichtig gewesen wären, nicht schon beim Auftauchen dieser Nachricht den jetzt noch in Belgrad befindlichen Obersten Artamanow veranlaßt hätte, die Behauptungen auf das energischste zu dementieren, oder daß Artamanow selbst drei Jahre hindurch geschwiegen hätte, wenn diese Behauptungen unwahr gewesen wären? Ein Geständnis freilich wird in dieser Beziehung von Oberst Artamanow nicht zu erwarten sein. Trotzdem ist meiner Ansicht nach an der Richtigkeit dieser Behauptungen nicht zu zweifeln . ..“. 86) Am 27. März 1941 wurde in Belgrad die Regierung Cvetkovic durch einen Staatsstreich gestürzt, nachdem sie zwei Tage vorher im Wiener Belvedere dem Drei- mächte-Pakt beigetreten war. 8-