Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

116 scher Agenten gegen das Reich. Der serbische Leiter dieses Putsches und Führer der .Schwarzen Hand“, Herr Simic, befindet sich heute noch in Moskau . . ,“87). Im Jahre 1941 von der .Schwarzen Hand“ als einer noch bestehenden Organi­sation zu sprechen, ist zwar eine propagandistische Verzerrung der Tatsa­chen, doch waren einzelne ehemalige Schwarzhänder, wie eben Bozin Simic, immer noch tätig. Dieser war es ja, der in aller Öffentlichkeit den russischen Militarattaché der Mitwisserschaft beschuldigte88). Unter Kerenskij wurde Simic russischer General und kehrte erst kurz vor dem zweiten Weltkrieg nach Serbien zurück. Die von Uebersberger zitierten Telegramme der serbi­schen Offiziere in Rußland, ihre Proteste gegen den Saloniki-Prozeß, sind von keiner Seite angefochten und bilden eine der wichtigsten Veröffentlich­ungen aus serbischen Beständen89). Wie erfolgte nun 1941 die „Sicherstellung“ der serbischen Akten in Belgrad? Abtransportiert wurden sie im Auftrag des „Generaldirektors der Staatsar­chive und Direktors des Reichsarchivs Potsdam“, des Kommissars für Archivschutz, Dr. Zipfel, der im Oktober in einem Rundschreiben feststellte: „Die serbischen Bestände sind als Quellen zur Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges von großem wissenschaftlichen Interesse .. . Die frühere Veröffentlichung von Dr. Boghitschewitsch Die auswärtige Politik Serbiens beruht auf der Verwertung serbischer Akten, die im [ersten] Weltkrieg nach Wien gebracht wurden. Damals war nur die Auswertung eines Teiles von ihnen möglich . .. Allerdings scheinen die Serben viele Akten, besonders ihres Außenministeriums, beiseite gebracht oder vernichtet zu haben.“ Die Auswertung der serbischen Akten, so verfügte im Oktober 1941 Dr. Zip­fel, werde dem Direktor des Reichsarchivs, Prof. Dr. Bittner, übertragen. Dieser unterbreitete im Dezember, bevor noch die ganzen Bestände in Wien eingetroffen waren, ein ausführliches Exposé, von dem auch das Auswärtige Arftt in Berlin noch eine Abschrift erhielt90). Darin wurde ausgeführt: „Die in Belgrad von der deutschen Archivverwaltung . . . übernommenen Archive der serbischen Ministerien (vor allem des Ministeriums des Äußern und des Ministerpräsi­diums), der bosnisch-herzegowinischen Landesregierung in Sarajevo91) und der bos- nisch-herzegowinischen Abteilung des ehemaligen Gemeinsamen Finanzministe­87) Note der Reichsregierung an die Sowjetregierung: Archiv der Gegenwart (1941) 5076. 88) Auch Mustafa Golubic, Jusstudent und Mitglied der .Schwarzen Hand* erklärte: „Vom Sarajevoer Mord, der auf den Befehl des Apis und seiner zwei Freunde [Rade Malobabic und Mustafa Mehmedbasic] durchgeführt wurde, wußte der russische Mili­tarattaché Artamanow, der russische Gesandte Hartwig, der Ministerpräsident Pasié und der gegenwärtige König Alexander“. Golubié schrieb unter dem Pseudonym Niko­la Nenadovic in der Zeitschrift Fédération Balcanique (1924) n. 9. 89) Uebersberger 315—317. so) AA Bonn PA 26a, E 066935-43. 91) Über die Akten der bosnisch-herzegowinischen Landesregierung in Sarajevo wird in einem Verzeichnis der Forschergruppe (Abschrift SAA) vermerkt: „Sie sind Material einer österr. Behörde und wurden in den Jahren 1918-1941 in Belgrad [wohin sie nach 1918 gebracht worden waren] so vernachlässigt, daß mit ihrem Un­tergang im Lauf der nächsten Jahre bestimmt zu rechnen war“.

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