Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

112 kennen, 1943 im Juliheft der Berliner Zeitschrift Auswärtige Politik unter dem sensationellen Titel Das entscheidende Aktenstück zur Kriegsschuldfra­ge. Das Schriftstück war gewiß sensationell und auch von entscheidenster Be­deutung, aber anders als man es der von Uebersberger benützten Überset­zung entnehmen konnte. Es hatte sich nämlich ein folgenschwerer Fehler eingeschlichen, der den Sinn der Aussage auf entscheidende Art veränderte. Der Fehler wird deutlich, wenn man die richtige Übersetzung des Apis-Do­kumentes (rechts) mit der Übersetzung in der Auswärtigen Politik (links) vergleicht. „Den Rade Malobabic habe ich als Chef der Nachrichten-Abteilung des Großen Gene­ralstabes angeworben, damit er mir ein Nachrichtennetz in Österreich-Ungarn organi­siere, und er hat sich dem unterzogen. Dies tat ich im Einverständnisse mit dem russi­schen Militarattaché, jetzigen General Artamanov. Nachdem Malobabic die Tätigkeit begonnen hatte, habe ich, in der Voraussicht, daß sich Österreich zum Kriege mit uns vorbereite, den Gedanken gefaßt, daß durch das Verschwinden des Thronfolgers Fer­dinand die Tendenz zum Kriege und die Kriegspartei ihre Stärke verlieren und daß so die Kriegsgefahr von Serbien abgewendet oder mindestens etwas verschoben werden würde. Ich habe deshalb den Rade Malobabié angeworben, das Attentat von Sarajevo zu organisieren. Malobabié hat meinen Auftrag ausgeführt und das Attentat organi­siert. Bevor ich den endgültigen Beschluß faßte, daß das Attentat verübt werden sollte, holte ich von Oberst Artamanov ein Gutachten ein (was Rußland tun würde), falls Österreich uns (Serbien) angriffe. Artamanov antwortete mir, daß Rußland uns nicht im Stich lassen würde. Obiges Gutachten verlangte ich mit dem Hinweis, daß Öster­reich diese unsere gemeinsame Tätigkeit merken könnte und uns unter diesem Prätext angreifen werde ­und so teilte ich ihm meine ohne ihm meine Attentats­Absichten das Attentat be- absichten mitzuteilen, treffend mit. Die Hauptteilnehmer an dem Attentat waren alle meine Agenten und erhielten kleine Honorare, die ich ihnen durch Vermittlung des Rade sandte. Einige von ihren Quittun­gen befinden sich in russischen Händen, da ich das Geld für diese Arbeit im Auslande in erster Zeit vom General Artamanov erhielt, denn der Große Generalstab verfügte noch über keinen Kredit für diese verstärkte Tätigkeit.“ Irrtum oder Fälschung? Eher Irrtum, denn wer mit Absicht irreführen will, setzt bestimmt nicht den anderssprachigen Originaltext zum Vergleich dane­ben, was Uebersberger getan hat. Er selbst rechtfertigte sich folgenderma­ßen 73): „Die Übersetzung der ersten oder Konzeptfassung, die meinem Aufsatz . .. zugrunde lag, ist an dieser Stelle: ,Und so teüte ich ... mit' unrichtig. Neskovié, Seite 276, über­sieht, daß die neben dieser unrichtigen Übersetzung von mir gebrachte Faksimileprobe diese Stelle enthält, welche richtig übersetzt, ,ohne mitzuteilen“ lautet. In der zweiten 73) Uebersberger 289. — Ein Vergleich des Uebersbergerschen Textes mit einer wörtlichen Übersetzung, die Herr Senatsrat Dr. Karl Gladt, Wien, freundlicherweise zur Verfügung stellte, zeigt eine in einigen Passagen freie, jedoch - abgesehen von der entscheidenden Stelle - fehlerlose Übertragung.

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