Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
113 Fassung machte Dimitrijevic aus dem Nebensatz: .ohne ihm meine Attentatsabsichten mitzuteilen1 den Hauptsatz: .Herrn Artamanow habe ich bei dieser Gelegenheit nichts von meinen Absichten bezüglich des Attentates mitgeteilt1. Der Grund, warum Dimitrijevic zwei Fassungen einreichte, ist nicht ganz klar. Vielleicht hat Oberst Misié74) zunächst verlangt, daß Dimitrijevic die angebliche Unkenntnis Artamanows von den Attentatsvorbereitungen deutlicher ausdrückte.“ Dedijer läßt diese Rechtfertigung nicht gelten, er glaubt Zusammenhänge aufdecken zu müssen: „Der deutsche Außenminister ordnete an, daß Rußland als Urheber des Ersten Weltkrieges zu beschuldigen sei ... Auf diese Weise diente Uebersberger der nazistischen Kriegspropaganda, indem er bewies, daß Artamanow und das offizielle Rußland hinter dem Attentat von Sarajevo gestanden seien“ 7S). Ribbentrops Order befände sich, so Dedijer, in Form eines Originalauftrages oder einer Kopie im österreichischen Staatsarchiv76) und im Belgrader DSIP77). Alle diesbezüglichen Nachforschungen erbrachten bisher kein Ergebnis. Im Bonner Archiv des Auswärtigen Amtes läßt sich die Entstehung des Irrtums zurückverfolgen. Am 21. Dezember 1942 schrieb Prof. Bittner dem Beauftragten des Heeresarchivs Regenauer in Belgrad: „Dr. Schwanke78) hat in den von ihnen übersandten Akten des Salonikiprozesses ein ungemein wichtiges, hier beigeschlossenes Aktenstück gefunden: Das Geständnis des 74) Petar Misié, Oberst, Präsident des serbischen Militärgerichtshofes in Saloniki. 75) Dedijer 819. 76) Dedijer in der amerikanischen Ausgabe The Road, to Sarajevo 514: „Reichsarchiv in Vienna Nr. 1339/1943“. Unter der angegebenen Zahl befindet sich kein Schreiben, lediglich im Protokollband der Archivdirektion mit Datum vom 13. Mai bzw. 15. und 17. Mai 1943 die Eintragung „Veröffentlichung von 2 Briefen betr. Salonikiprozeß“, die an einen Major Regenauer geschickt wurden. Kurt von Regenauer, geb. 1888 in Köln, war Beauftragter des Heeresarchivs und 1941—44 bei der Aktensammelstelle Süd-Ost. Die als Anschrift angegebene Feldpostnummer 46 3 13 ist die Nummer von Belgrad, wo Regenauer nach Material über die Attentäter und nach den Freiwilligen im serbischen Heer forschte (HHStA Gen.-Dir. Jugoslawien 1942, nn. 266, 267). 77) Dedijer 514: „copy of letter in DSIP, Zbirka Vojislava Jovanoviéa“; dt. Ausgabe: „DSIP, fußt auf rückerstatteten, vorher erbeuteten Dokumenten der serbischen Archive“ (912). Der gleiche Hinweis in der serbokroatischen Ausgabe (Sarajevo 1914), 895f. Eine diesbezügliche Anfrage des Wiener Institutes für Zeitgeschichte vom 25. Mai 1976 in Belgrad blieb unbeantwortet. 78) Dr. Robert Schwanke war Kriegsverwaltungsassessor. Er wurde am 12. Mai 1941 durch den Generaldirektor der Staatsarchive und Direktor des Reichsarchivs Potsdam, Kommissar für Archivschutz, „zur Erledigung archivalischer Aufgaben“ in die besetzten jugoslawischen Gebiete entsandt. In den Weisungen, die ihm zugingen, hieß es: „Gegenüber den Archivalien nichtdeutscher Herkunft ist ein Schutz auszuüben, der sie als Kulturgüter vor Vernichtung bewahrt und ihre Auswertung im deutschen Interesse ermöglicht. Besondere Beachtung verdienen die Bestände, die sich auf die deutsche Volksgruppe beziehen. Wichtig wäre es ferner, die in den serbischen Archiven verwahrten Quellen zur Vorgeschichte des ersten Weltkrieges, insbesondere über die Mitschuld der serbischen Regierung am Attentat von Sarajevo, zu erschließen.“ Schreiben an den Oberfunker Dr. Robert Schwanke, U. V. R. 757, Fotokopie im SAA. 8 Staatsarchiv, Ergänzungsband IX