Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
109 habe es den Anschein, daß viele serbische Dokumente auf Veranlassung des verstorbenen Dr. Ludwig ThäLloczy62) nach Ungarn gebracht wurden. Dr. Voj. Jovanovic fügte dann seiner Notiz einen ,streng vertraulichen“ Hinweis hinzu: .Eine der hauptsächlichsten Schwierigkeiten bei der Sichtung und Wiederherstellung des Archivs des Ministeriums ist der durch zahlreiche und unverdächtige Beweise erhärtete Umstand, daß die meisten unserer Politiker, hohe, aber auch niedere Beamte des Ministeriums, frühere und heutige, es nicht nur als nicht strafbar, sondern auch als erlaubt ansahen, dem Archiv zu den verschiedenartigsten Zwecken einzelne Akten, Gruppen von Akten, ja sogar ganze kleine Archive zu entnehmen, wobei sie sich dieselben aneigneten oder sie verkommen ließen. Dieser Umstand ist umso bedauerlicher, als auch angesichts der so häufigen Wiederholung noch nie der Fall eingetreten ist, daß jemand zur Verantwortung gezogen wurde. Die vom Archiv bei den Vorgesetzten unternommenen Schritte haben in keinem einzigen Falle zu anderen Ergebnissen als zu persönlichen Befehdungen, Streitigkeiten, Feindschaften und persönlichem Schaden geführt. Fehlbestände im Archivmaterial, die von einem solchen, noch in der allerletzten Zeit wiederholten Gebaren herrühren, machen die Herstellung der Sammlung diplomatischer Akten ... nahezu unmöglich“. Im Jahre 1922 hatten die Deutschen, 1926 die Engländer, 1929 die Franzosen, 1930 die Österreicher63) und 1931 die Sowjetrussen begonnen, ihre diplomatischen Archive Wissenschaftlern zu überantworten und nach und nach zu veröffentlichen; auf Serbien, bzw. Jugoslawien wartete man vergebens. Dabei wurde immer wieder, 1925 sogar von höchster Stelle aus, der Beweis dafür, „daß sämtliche Schuld am Weltkrieg Serbiens Feinden zufalle“, angekündigt64); man vertröstete auf ein neues Blaubuch65), bedrohte Landsleute,- In der Chronik des Kriegsarchivs III (KA Dir. Akten) v. FML Maximilian v. Hoen, S. 119, findet sich folgende Eintragung: „Am 10. Jänner verlangte der serbische Legationssekretär Pavlé Karovitsch unter Berufung auf den gleichen Vorgang beim Haus-, Hof- und Staatsarchiv die Herausgabe der in Serbien erbeuteten Akten und Bücher. An sich war das vom Obst. Paldus heraufgebrachte Material ziemlich wertlos, immerhin wollte es der Direktor nicht ohne weiteres ausliefern. Der Leiter des liqu. Kriegsministeriums, den er am 13. aufsuchte, verwies auf das Staatsamt des Äußeren. Der Präsidialchef des Dr. Bauer teilte mit, daß dieser Bedenken habe, jedoch schließlich zugestand, wenn der Vertreter Jugoslawiens eine Legitimation vorweisen könne [!]. Schon am folgenden Tage war diese Angelegenheit telegraphisch geregelt, so daß die Auslieferung bewilligt wurde. Karovitsch beauftragte den Leutnant Amerigo Gjivano- vic mit der Abholung. Wie sich später herausstellte, verkaufte dieser während des Transportes die Akten und sonstiges Material und verschwand. Infolgedessen kamen später immer wieder Nachfragen von serbischer Seite, bis sich die Sache aufklärte“ (Sperrungen vom Vf.). 62) Dr. Ludwig Thälloczy, Sektionschef im Gemeinsamen Finanzministerium; er starb im November 1916 bei einem Eisenbahnunglück. a) Die österreichisch-ungarischen Bestände waren bereits nach dem ersten Weltkrieg von Forschem der Nachfolgestaaten durchsucht und zum Teil kopiert worden (siehe ÖUA Vorwort VII). 64) Schreiben des Ministerpräsidenten Pasié an den Außenminister Dr. Ninéié aus Karlsbad, 1925 August 16: „Jetzt, wenn ich nach Evian gehe, werde ich ein längeres Dementi geben, aus dem man ersehen wird, daß sämtliche Schuld am Weltkrieg auf unsere Feinde zurückfällt, die den europäischen Krieg begonnen haben“ (SAP 12). 65) Gooß 285 Anm. 2.