Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

108 Unterzeichneten bekannt ist, daß unsere Minister streng geheime Akten und Privat­briefe ... bei sich daheim aufbewahren, so kann man behaupten, und teilweise weiß ich es auch, daß Herr Pasié59) viele solche Akten bei sich daheim hat. Ob Herr Päsic diese Akten durch Albanien mitgenommen hat, ist dem Unterzeichner nicht bekannt ... soweit ihm bekannt ist, geruhte der Minister bereits anzuordnen, daß man von Wien kategorisch die Herausgabe der übrigen Staatsakten fordere ... Generalkonsul Sajinovic“. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß man zu dieser Zeit, im Jahre 1919, die eigenen Bestände gar nicht überblickte. Grund dafür war der Mangel an Fachkräften, die in das Durcheinander Ordnung hätten bringen können. Doch auch 1928 hatte sich die Situation kaum geändert; vom Fe­bruar dieses Jahres stammt eine Notiz („Beleska“) des Belgrader Hauptar­chivars Jovanovic über die Archivlage, in der bestätigt wird, daß nicht nur die Österreicher, sondern auch die Bulgaren Aktenmaterial erbeutet hätten. Die Österreicher hätten von Anfang 1916 bis zum Frühjahr 1919 die Beute­akten einem genauen Studium60) unterzogen, wie zahlreiche auf den Akten angebrachte Vermerke in deutscher Sprache und die deutschen Übersetzun­gen zahlreicher Dokumente beweisen ... Fast alle Akten zwischen 1907 und 1914 zeigten Spuren, daß sie durchgelesen wurden. Sowohl das bekannte deutsche Weißbuch vom Juni 1919 über die Frage der Kriegsschuld als auch das bekannte Pamphlet des Dr. Bogicevic über die Kriegsursachen seien fast ausschließlich Übersetzungen, die im Wiener Hofarchiv angefertigt wurden. Als man im Frühjahr 1919 das Archiv zurückstellte, sei dies in solcher Un­ordnung geschehen, daß man die verschwundenen Dokumente nicht regi­strieren konnte, ,wenn irgendwelche verschwunden sind“ (sic!). Seton-Watson habe dem Hauptarchivar gegenüber geäußert, ihm seien in Deutschland ei­nige serbische Originaldokumente zum Kauf angeboten worden61). Auch Dr. Bauer über Ersuchen der kgl. serbischen Regierung den Sektionschef Frh. v. Flotow auf, sämtliche Akten, die ihm „als Mitglied der Kommission zur Durchforschung des politischen Archivs des Kgr. Serbien“ zugekommen waren, ehetunlichst dem HHStA zurückzustellen oder, falls sich keine Aktenstücke mehr in seinem Besitz befinden soll­ten, darüber eine schriftliche Erklärung auszustellen. Dies geschah dann am 8. Februar. Der Erklärung angeschlossen sind die Unterschriften von 18 Beamten, die feststel­len, in ihrer Verwahrung befänden sich keine Akten der „erwähnten Kategorie“. 59) Als im Jahre 1926 Ministerpräsident Pasié starb, fand man laut einer Zeitungs­nachricht auf einem Tisch neben seinem Bett Sarajevoer Gerichtsakten. 60) Schon 1915 wurde Rudolf Pogatscher, Gesandter und politischer Konsulent im Ministerium des Äußern, zum Vorstand einer Kommission zur Prüfung und Verwer­tung der serbischen Archive ernannt (HHStA Admin. Registratur F 4/266 Personalakt Pogatscher). Siehe S. 98. 61) Am 9. Jänner 1919 verständigte der Bevollmächtigte des deutschösterreichi­schen Staatsrates Dr. Josef Redlich das Kriegsarchiv, daß dem Vertreter der serbischen Regierung Legationssekretär Pavle Karovitch im Auftrag des Staatsamtes für Äußeres vom 25. Dezember 1918 „sämtliche im Haus-, Hof- und Staats-Archiv verwahrten Ar­chivalien serbischer Provenienz“ ausgefolgt wurden (KA Dir. Akten Nr. 50/1919 Jän­ner 13). Am 13. Jänner 1919 bat Hauptmann Mündl vom KA das Deutschösterreichi­sche Staatsamt für Heerwesen um Lastautos zum Abtransport „sehr umfangreichen Akten- und Büchermaterials“ durch den Vertreter des Bevollmächtigten der serbischen Regierung, Lt. Amerigo Gjivanovié. Die Übernahme erfolgte noch am 13. Jänner 1919.

Next

/
Thumbnails
Contents