Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
107 ,Das Hauptarchiv ist heute im Besitz des größten Teils der Originaldokumente54), welche die Grundlage der Dokumentation bilden. Das Archiv besitzt auch die von den tatsächlichen Redakteuren der Bogiéevic-Sammlung zusammengestellten Dokumente, welche die Unzuverlässigkeit ihrer Übersetzungsmethoden und ihre geringe Gewissenhaftigkeit in das richtige Licht stellen. Unter diesen Dokumenten befinden sich offensichtlich gefälschte Dokumente*. Zum Schluß heißt es: ,Das Außenministerium wird die notwendigen Schritte tun, damit eine derart unzulässige Arbeit die verdienten Folgen nach sich ziehe*. Notwendige Schritte welcher Art? Zum Beispiel eine Klage bei deutschen Gerichten oder die Bitte an die deutsche Regierung, eine „derart unzulässige“, in Berlin erschienene Arbeit zu beschlagnahmen? Schon die Veröffentlichung einer derartigen Absicht mit gleichzeitigem Nachweis effektiver Fälschungen hätte die Bogicevic-Edition ein für allemal erledigt. Auch eine Aufforderung an die Forscher in aller Welt, so an die englischen Freunde, an Ort und Stelle in die Originaldokumente Einsicht zu nehmen und sich von den Machinationen zu überzeugen, hätte seine Wirkung nicht verfehlt. Zahlreiche Möglichkeiten gab es, Klarheit zu schaffen, doch man ergriff keine. Mangelte es an den Originalen? Sicher nicht, denn seit 10 Jahren, also seit 1919, verfügte man wieder über sie. Dies verrät ein Bericht an das Belgrader Außenministerium vom 28. Juni (11. Juli) dieses Jahres; ihm ist zu entnehmen, daß ein Generalkonsul namens Sajinovic die im Mai aus Wien eingetroffenen 180 Kisten mit Archivmaterial und Büchern ge- I öffnet hatte. In dem diesbezüglichen Protokoll heißt es wörtlich: ,1. Außenministerium, a. Archiv der politischen Abteilung. Dieses Archiv reicht von 1870-1914 und wurde, wie man feststellen konnte, in der Hauptsache zurückgegeben55). Wir hatten dieses Archiv beim Rückzug [1914] in ein Kloster bei Kruse- vac56) verlagert .. .*. Dann folgt die Aufzählung anderer Bestände sowie die Feststellung: ,Nach Beendigung dieser Arbeit fanden wir das aus Rom hergebrachte Archiv im Umfang von 34 Kisten, in denen Akten des Ministeriums aus den Jahren 1914 und 1915 verpackt waren ... ferner fanden wir zwei Kisten aus dem Privatbesitz des Königs ... dann prüften wir die Akten, die in der Kanzlei der ehemaligen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft in Belgrad gefunden wurden ... Eine oberflächliche Sichtung ergab, daß dies ein Teil des politischen Archivs war, und zwar aus verschiedenen Jahren bis 1910 sowie das geheime Geschäftstagebuch vom Jahre 1914 ... Bei Durchsicht des Archivs der politischen Abteilung, das sich in Wien befunden hatte, stellte ich fest: die Österreicher sahen nur die Akten angefangen vom Jahre 1903 durch, doch speziell jene von der Annexion Bosniens und der Herzegowina und weiter herauf ... Diese Akten sortierte der Feind emsig57), übersetzte die interessantesten unter ihnen und druckte sie in deutscher Sprache für eine gelegentliche österreichische diplomatische Publikation, und die wertvollsten werden auch jetzt noch in Wien zurückgehalten58). Da dem 54) Sperrungen stammen vom Vf. 55) Sperrungen stammen vom Vf. 56) Trstenik liegt unweit von Krusevac. 57) Vgl. oben S. 98f. 58) Es fehlt jede nähere Angabe. Am 2. Jänner 1919 forderte Staatssekretär