Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

106 scher, russischer oder sonstiger Provenienz. Die einzig richtige Antwort wäre eine Gegenveröffentlichung gewesen, die Publikation der serbischen Doku­mente von jugoslawischer Seite und der Nachweis eventueller Fälschungen, Entstellungen, Zweideutigkeiten und Unterschiebungen. Nichts dergleichen geschah, sicher aus Mangel an diesbezüglichen Unterlagen. Es blieb begreiflicherweise nichts anderes übrig, als das Gutachten — die Note an den Minister vom 12. Jänner 1929 — den Vorschlägen entsprechend propagandistisch auszuwerten. Wie dies geschah, zeigt das (auch von Jovanovic stammende?) Gutachten vom 30. Jänner49), in dem hervorgehoben wird, daß die Übersetzungen während des Krieges in Wien angefertigt wur­den (was durchaus richtig ist)50), daß sie für ein „Blaubuch“51) bestimmt wa­ren, und daß sie, ,mit einer nur annähernden Genauigkeit übersetzt, zurecht­gemacht und mit willkürlichen Textzusätzen oder Auslassungen hergerichtet und schließlich durch die Anfertigung einer ziemlichen Anzahl gänz­lich falscher Dokumente vermehrt wurden52), so wie dies von den Her­stellern dieser propagandistischen Kriegspublikation für zulässig gehalten wurde, so daß Bogiöevic de facto gewissermaßen nur der Unterzeichner des Buches ist*. Mit andern Worten: Nach diesem Gutachten war die Aktenpu­blikation eine - allerdings verspätete — Kriegspropaganda. Dieser erweiterte Text wurde am 30. Jänner an neun jugoslawische Vertretungen im Ausland mit der Weisung verschickt, ,den Text' dem dortigen Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten mitzuteilen ... Da sich im erwähnten Buche auch eine gewisse Zahl gefälschter Dokumente vorfindet, die wir nicht undementiert lassen können, bitte ich Sie, in der einschlägigen Unterre­dung anläßlich der Übergabe dieser Verlautbarung den tatsächlichen Charakter der erwähnten Publikation auf Grund der Angaben, die sich in der Beilage vorfinden, her­vorzuheben.“ Von den angeblich gefälschten Dokumenten wurde keines zitiert oder auch nur umschrieben. Auch in Wien wurde ein diplomatischer Schritt unter­nommen und festgestellt, die unbefugte Veröffentlichung durch Bogicevic könne „das dortige Ministerium für auswärtige Angelegenheiten nicht gleichgültig lassen.“ Die Information der Öffentlichkeit erfolgte am 7. Februar 1929 in einem 6-Punkte-Kommuniqué53), in dem festgestellt wurde: 49) Weisung des serbischen Ministeriums des Äußern an C. Markovié (Konzept V. Jovanovié: DSIP Geheimfasc. 26, ZI. 22, Abschrift und Übersetzung im SAA). 50) Als die französische Ausgabe der Kriegsursachen (Les causes de la guerre) er­schien, gab Bogiöevic Herrn George Demartial Auskunft über die von ihm verwende­ten Akten: „Les documents qui se trouvent dans mon livre et qui appuisent si effica- cement ma thése sont des documents, trouvés en Serbie et en Russie par les Austro-Al- lemands pendant la guerre ...“ (Brief vom 19. März 1925). - Eine serbische Quelle nennt den Direktor des HHStA, Hofrat Dr. Hans Schiitter, und den Archivkonzipisten Dr. Hans Wörndle (gemeint ist Johann Vörnle) als Redakteure eines geplanten „Blau­buches“. 51) Es hätte sich nur um ein „Rotbuch“, nicht um ein „Blaubuch“ handeln können. 52) Sperrungen stammen vom Vf. 53) Veröffentlicht im Morgenblatt (Zagreb) 1929 Februar 8.

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