Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)

Umstrittene Dokumente

100 kumenten aus dem Jahr 1914 eine „Übersicht der serbisch-österreichischen Beziehungen von 1903 bis zum Kriege vorangehen zu lassen“28). Die Reali­sierung des Planes wurde dem Belgrader Universitätsprofessor Dr. Vladimir Corovic29) anvertraut, der vor dem Krieg Landesmuseums-Bibliothekar in Sarajevo war. 1934 war der Textband seines Werkes ausgedruckt und trug den Titel Die Beziehungen zwischen Serbien und Österreich im 20. Jahrhun­dert; auch der erste Band Diplomatische Dokumente (5. Jänner 1902 bis 28. Mai 1903) lag bereits vor. Doch das war bereits das Ende, weitere Bände gingen nicht mehr in Druck. Der Dokumentenband wurde in der Belgrader Staatsdruckerei zurückbehalten und durfte nicht ausgegeben werden. Nur den Textband30) wagte man 1936 der Öffentlichkeit zu übergeben. Von einer wissenschaftlichen Publikation der serbischen Akten war darauf­hin nicht mehr die Rede; später, wie gesagt 1974, nur davon, daß man die Bestände in absehbarer Zeit zugänglich machen werde. Doch kam es in der Zwischenkriegszeit zu einer Veröffentlichung serbischer Akten, allerdings nicht in Belgrad, sondern in Berlin, die einiges Aufsehen erregten. Hier be­schäftigt uns die Frage: Kann diese Publikation mit gutem Gewissen zu For­schungszwecken herangezogen werden? Um das zu beurteilen, ist es unerläß­lich, sich mit der Persönlichkeit des für das Werk verantwortlichen Mannes, des „abgesprungenen“ Diplomaten Dr. Milos Bogicevic31), näher zu befassen. Zuerst eine jugoslawische Stellungnahme, und zwar aus der Enciklopedija Jugoslavije 1 (Zagreb 1955) 634: ,Geboren 1876 in Belgrad, gestorben 1937 32) in Berlin, studierte B. am Theresianum in Wien und an der juridischen Fakultät in Berlin. Doktorat 1903, Dozent für internatio­nales Recht an der Belgrader Universität, trat 1904 in den diplomatischen Dienst33), diente in Paris und Berlin, wo er von 1907 bis 1914 Geschäftsträger war, quittierte aber im Juli 1915 den Dienst, begab sich in der Absicht, einen Friedensschluß herbei­zuführen, indem er zwischen Frankreich und Deutschland zu vermitteln versuchte, in die Schweiz34). In Paris vertraute er seinen Plan dem früheren französischen Botschaf­M) Siehe oben S. 97 Anm. 10. 29) Der Bibliothekar des Sarajevoer Landesmuseums, Dr. Vladimir Corovic, geb. 1885 in Mostar, wurde unter der Anschuldigung des Hochverrates, d. h. „Handlungen unternommen zu haben, die das Ziel hatten, den Umfang der österr.-ung. Monarchie gewaltsam zu ändern“, am 27. April 1916 in Banjaluka zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Durch die Entschließung des Obergerichts v. 3. Februar 1917 wurde die Strafe um ein Jahr erhöht. - Nach dem Krieg führte Dr. Corovic Archivverhand­lungen mit Österreich, auf dem Archivvertrag vom Jahre 1923 findet sich seine Unter­schrift. 30) Vladimir Corovié Odnosi izmedju Srbije i Austro-Ugarske u XX veku (Beo­grad 1936). Dedijer über das Werk (843 Anm. 5): „In Jugoslawien verteidigte VI. Corovic die serbische Regierung am vollständigsten“. Uebersberger über den Text­band (273 Anm. 3): „Corovic schrieb im Auftrag seiner Regierung das offizielle Werk zur Entlastung Serbiens“. 31) Schreibweise: In Jugoslawien Bogiéevic, in Deutschland Boghitschewitsch, in Frankreich Boghitchevitch. 32) Nach deutschen Quellen 1938. 33) Bogiöevié selbst sagt, er sei auf Wunsch König Peters in den diplomatischen Dienst getreten. Siehe unten S. 101 Anm. 37. 34) Nach einem Bericht des k. u. k. Gesandten Musulin in Bern vom 4. Juni 1918

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