Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Umstrittene Dokumente
101 ter in Berlin, Jules Cambon, an, dem Bogiié vie schon lange wegen seiner betont ger- manophilen Einstellung verdächtig schien. Cambon sah in diesem Schritt einen neuen Versuch der Deutschen, Frankreich von seinen Verbündeten zu trennen. Trotz des reservierten Empfanges in Paris setzte Bogiéevié seine Bemühungen in Berlin fort, wo er bei Zimmermann [Alfred Z., 1911 bis 1916 Unterstaatssekretär] im Außenministerium ein besseres Echo fand. Er kehrte in die Schweiz zurück, von wo er nochmals Cambon besuchte, worauf ihm die Einreise nach Frankreich verwehrt wurde35). Die Radikale Partei in Serbien und die Anhänger der ,Crna ruka‘ beschuldigten einander gegenseitig der Zusammenarbeit mit Bogiéevié. Über sein Verhältnis zu Pasié wurde viel diskutiert, weil Bogiéevié im September 1915 pensioniert wurde, obwohl er nach dem Gesetze und den Bestimmungen über vakante Stellen wegen Entfernung aus dem Dienst bereits nach 14 Tagen hätte entlassen werden müssen. Es gibt aber keinen Beweis dafür, daß Pasié ihn als Vermittler verwendet hat. Ausgeschlossen ist es aber nicht, daß er dies beabsichtigte, zeigte er doch diesem undisziplinierten Beamten gegenüber viel Rücksicht. Pasié brachte erst 1922 auf Betreiben demokratischer Abgeordneter eine gerichtliche Klage gegen Bogiéevié ein, die gerichtliche Untersuchung gegen ihn wurde jedoch verschleppt, und der Staatsanwalt bestand nicht auf einer Verurteilung in contumaciam36). Einige Monate, nachdem er bei der jugoslawischen Gesandtschaft angesucht hatte, nach Belgrad zurückkehren zu können, verübte Bogiéevié unter ungeklärten Umständen Selbstmord'37 *). Gerüchte über sein tragisches Ende in einem Berliner Hotel besagen, die SS oder der SD hätten ihn zum Selbstmord gezwungen, Beweise hegen bis jetzt dafür nicht vor, lediglich Hinweise auf den Bogicevic-Nachlaß 3S), der in Berlin lag; so eine Aufzeichnung vom 8. Juni 1943, die sich im Bonner Archiv befindet: wurde Bogiéevié strafweise nach Ägypten versetzt, als seine „Beziehungen zur deutschen Regierung in Belgrad ruchbar wurden“ (HHStA PA I 806). Bogiéevié über seine 1914 erfolgte Versetzung nach Ägypten: .......das ersparte mir, anläßlich des Attentats a uf den Erzherzog Franz Ferdinand der Interpret der serbischen Regierungspolitik zu sein, die einen der Gründe des großen Krieges darstellte“ (unten Anm. 37). 35) Bogiéevié: „Erst viel später erfuhr ich aus serbischer Quelle, die französische Regierung befürchtete, ich sei auf Befehl der serbischen Regierung in Berlin gewesen, um über einen Seperatfrieden zu verhandeln“ (unten Anm. 37). 36) Bogiéevié: ...... als die serbische Regierung mich unter Anklage stellte, verz ichtete sie auf eine Erklärung oder Rechtfertigung, und zwar auf die Bitte meines Vorgesetzten, des Ministerpräsidenten Pasié" (unten Anm. 37). 37) Bogiéevié selbst schildert seinen Lebenslauf in einem Schreiben vom 25. März 1925, das im 3. Band seines Werkes Die auswärtige Politik Serbiens (S. 188) veröffentlicht wurde. 1918 beabsichtigte Bogiéevié, aus der Schweiz nach Belgrad zu gehen, wo er, wie er dem k. u. k, Gesandten Musulin sagte, das „Terrain sondieren“ wollte. Seiner Meinung nach bestand damals noch die Möglichkeit, „eine staatliche Neuordnung der Dinge in Serbien durchzuführen“. Das Zerwürfnis zwischen den Jung- und Altradikalen habe eine günstige Situation ergeben, unter Umständen ließe sich eine Regierung nach rumänischem Muster bilden, mit der Frieden geschlossen werden könnte: Berichte des k. u. k. Gesandten in Bern 1918 Juni 14, Juli 12, August 23 und September 26 (HHStA PA I 806.) Das Ministerium des Äußern, das AOK, die Ministerial- kommission im Kriegsministerium und das königlich-ungarische Innenministerium gaben ihr Einverständnis zur Reise nach Belgrad, zu der es dann „wegen verschiedener privater Umstände“ nicht kam. 3S) Im Jahre 1943 bat das Auswärtige Amt in Berlin den Chef der Sicherheitspolizei und des SD um Überlassung des Bogiéevié-Nachlasses: AA Bonn PA 26a, Bd. 2 und 3.