Friedrich Würthle: Ergänzungsband 9. Dokumente zum Sarajevoprozeß. Ein Quellenbericht (1978)
Der Saloniki-Prozeß 1917
DER SALONIKI-PROZESS 1917 Die Gründe zu erforschen, weshalb dem Obersten Dragutin Dimitrijevic (Apis) und seinen Freunden 1917 auf griechischem Territorium, in Saloniki, durch ein serbisches Militärgericht der Prozeß gemacht wurde, ist nicht Aufgabe dieser Arbeit. Die offizielle Anklage lautete zuerst auf Hochverrat (Einverständnis mit dem Feind), dann auf Aufreizung zur Meuterei und zu einem Attentatsversuch auf den Kronprinzen Alexander. Die spätere inoffizielle Version lautete, die serbische Exilregierung habe in ihrem Streben nach einem Sonderfrieden mit Österreich-Ungarn die Liquidation der Anstifter des Mordes von Sarajevo als Vorleistung betrachtet1). Jedenfalls bestanden Zusammenhänge mit der Mordtat vom 28. Juni 1914, die es als richtig erscheinen ließen, auch in dieser Publikation auf die Protokolle des Militärgerichtsprozesses in Saloniki hinzuweisen. Aus diesen geht unzweideutig hervor, daß in Saloniki eine Anzahl von Leuten als Angeklagte und Zeugen verurteilt beziehungsweise einvemommen wurde, die mittel- oder unmittelbar an der Verschwörung von Sarajevo beteüigt gewesen waren. So der Zeuge Milan Ci- ganovic, serbischer Eisenbahner: Er lieferte 1914 im Auftrag des Majors Tan- kosic den Attentätern von Sarajevo die Mordwaffen. 1917 war Ciganovic Belastungszeuge gegen Oberst Apis-Dimitrijevic. Mustafa Golubic, Jusstudent, ebenfalls Zeuge in Saloniki, bosnischer Freiwilliger, beschuldigte später Dimitrijevic, dieser habe den Mord von Sarajevo vorbereitet, und zwar unter dem Mitwissen des russischen Militárattachés in Belgrad, Artamanow, des dortigen russischen Gesandten Nikola Hartwig, des serbischen Ministerpräsidenten Pasié und des Thronfolgers Alexander2). Im Saloniki-Prozeß fungierte als Zeuge auch der Theologe Djuro Sarac, „Leibwächter“ des Majors Tankosic, der angeblich beauftragt war, das Attentat im letzten Augenblick „abzusagen“. Am 8. Mai 1917 (alten Stils) rief er im Salonikier Gerichtssaal Oberst Apis zu: „Es tut mir in der Seele weh, wenn ich daran denke, was ihr aus uns gemacht habt, und was ihr aus uns machen wolltet. Man kann hier vor Gericht nicht alles Vorbringen. Das wissen Sie sehr gut. Doch wird auch hierfür die Zeit kommen. Ich habe von nichts Schlechtem gewußt, bevor ich in Ihre Hände fiel. Mich ergreift ein Schauer, wenn ich daran denke, was Sie aus uns gemacht haben“3). Unter den Angeklagten von Saloniki waren noch weitere Personen in das At3) Vgl. Würthle Spur 229. 2) La Fédération Balcanique 1924 Dezember 1 (n. 9 S. 109). Golubié schrieb unter dem Pseudonym Nikola Nenadovié; siehe auch Gooß 194 und Würthle Spur 275, 341. 3) Saloniki-Prozeß (siehe unten Anm. 6) 60. Sitzung, 1917 Mai 8 vorm.