Fritz Reinöhl: Ergänzungsband 7. Geschichte der k.u.k. Kabinettskanzlei (1963)

II. Der Monarch und seine Stellvertretung

74 spricht sie mit Koch und dem geheimen Sekretär Pichler über diese6). Vom 6. Oktober 1770 ist ein Brief Maria Theresias überliefert, in dem sie einer Freundin, der Gräfin Enzenberg, ihre über das ganze Jahr hindurch gleichbleibende Wocheneinteilung mitteilt: Sonntag 7 bis IOV2 Audienzen, Montag Arbeit mit Püchler und Nenny, manchmal mit Johann Adam Freiherrn von Posch, welcher der Leiter der Finanzen, Güter und Kassen, sowie der geheimen Kanzlei ihres Gemahls und auch Verwalter mehrerer ihr gehörigen Herrschaften war, Donnerstag 9 bis 4 Staatsrat, Freitag und Samstag waren der Familie und Privatangelegenheiten Vorbehalten, die Nachmittage wurden zum Lesen und zur Beförderung der Korres­pondenz verwendet7). Tiefere Aufschlüsse über die Arbeitsweise Maria Theresias zu finden, fehlen die Quellen. Anders ist es in dieser Hinsicht mit Kaiser Joseph II. bestellt. Nach dem Tode seines Vaters und seiner Ernennung zum Mitregenten seiner Mutter schreibt er am 12. September 1765 seinem Bruder, dem Großherzog von Toskana Erzherzog Leopold, daß er täglich um sechseinhalb aufstehe, nach der Messe von acht bis zehn Uhr mit Sekretär Röder die Reichs­sachen bearbeite; gegen zehn Uhr kämen die Kasseverwalter, manchmal auch Posch, dann empfange er Minister und andere Personen, um zwölf­einhalb begebe er sich zur Kaiserin und um 1 Uhr empfange er den Staatskanzler, mit dem er eine bis eineinhalb Stunden konferiere, den Nachmittag widme er der Ordnung des Nachlasses seines Vaters 8). Eine zweite Tagesordnung Josephs ist von seinem Bruder aus dem Jahre 1784 überliefert. Danach begab sich der Kaiser nach acht Uhr in die Kanzlei und erledigte bis elf Uhr die Geschäfte; beim Verlassen derselben nahm er im Korridor Bittschriften von den persönlich erscheinenden Bittstel­lern entgegen. Dann besuchte er immer allein Spitäler oder die kaiser­lichen Gärten, oder er begab sich in die Reitschule, um selbst zwei oder drei Pferde zu reiten oder in seiner Gegenwart reiten zu lassen, oder er oblag auf den Donauinseln der Jagd. Um zwei oder drei Uhr kehrte er von diesen Ausgängen zurück, ging kurz in die Kanzlei und nahm aber­mals am Korridor Bittschriften an sich. Um drei Uhr speiste er stets allein, wozu er nur eine Viertelstunde benötigte. Um dreieinhalb kamen drei oder vier Musiker, mit denen er bis gegen vier Uhr musizierte. Um vier Uhr erschien er wieder in der Kanzlei und blieb zur Erledigung der Ge­schäfte, wenn nicht große Dinge Vorlagen, bis fünf Uhr. Dann fuhr er im Wagen aus, um Fabriken zu besichtigen oder die öffentlichen Spazier­wege im Prater oder Augarten aufzusuchen, wo er, wenn er bekannte Personen fand, mit ihnen spazieren ging. An Sonntagen begab er sich gleich nach der Messe in den Augarten. Um sechseinhalb ging er in das 6) Eintragung Khevenhüllers vom 6. 6. 1767, Ebenda, Bd. 1763—1767, S. 244. 7) Arneth, Briefe der Kaiserin Maria Theresia an ihre Kinder und Freunde, Bd. 4, S. 500. 8) Arneth, Maria Theresia und Joseph II., Bd. 1, S. 128.

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